Samstag , 31. Oktober 2020

Der andere Deutsche erstaunt die Welt

 

Hans-Herbert Jenckel
Hans-Herbert Jenckel

 

 (Den Blog.jj schreibt der Online-Chef und Geschäftsführende Redakteur Hans-Herbert Jenckel, sein Kürzel jj. Gastkommentare sind willkommen.)

 

Lüneburg, 11. September

In den Tagen der deutschen Einheit, die wir in drei Wochen hochleben lassen, lag ich heftig im Streit mit meinem Freund Klaus Harries. Der damalige Lüneburger CDU-Bundestagsabgeordnete schwärmte von Freiheit und lang ersehnter Einheit. Und ich, aufgewachsen in der kleinen Bundesrepublik, die Schuld mit Geld beglich und den Nationalstolz auf den Fußballplatz verlegt hatte, widersprach. Meine Generation hat nicht Nacht für Nacht von der Einheit geträumt, sondern sich aufgelehnt.

Ich hatte diese Bilder der euphorisierten Begrüßungskomitees an den Grenzübergängen vor Augen. Nein, antwortete ich, es geht um Bananen. Ich wäre fast aus dem Haus geflogen. Jahre später ließ Klaus Harries, ernüchtert, nebenbei den Satz fallen: Hans-Herbert, vielleicht ging es doch auch um Bananen.

Heute gibt es wieder Begrüßungskomitees. Die heißen jetzt Willkommensinitiativen.

Ich bin längst versöhnt mit der Einheit und mag die neuen Länder. Und ich bin jetzt ein bisschen stolz, dass die Masse der Deutschen Flüchtlinge mit offenen Armen empfängt. Vermutlich geht es auch dieses Mal, worüber viele schon wettern, wieder auch um Bananen. Ja, und?

Ich weiß, da braut sich ein Volksgewitter zusammen, unser Wohlstand sei in Gefahr, weil andere uns auf der Tasche liegen, uns was nehmen, was doch uns gehört, uns allein. Und die Angst vor Überfremdung und Kriminalität.

Jeder, dessen Korsett so eng geschnürt ist und der noch in der Christlich Demokratischen Union, in der Christlich-Sozialen Union, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands oder bei den Liberalen ist, sollte schleunigst sein Parteibuch zurückgeben und sich einer der grölenden, Angst und Neid streuenden Fähnlein anschließen. Denn er denkt weder christlich, noch sozial noch freiheitlich.

Kein Sorge, jetzt kommt nicht der Mutmacher: Das haben wir doch schon mal geschafft, damals,  Stunde Null. Wir verklären das Nachkriegselend heute so gerne. Für die Flüchtlinge aus dem Osten gab es keine Willkommensinitiativen. Alle hatten nichts. Das Zusammenwachsen wurde von den Alliierten mit Wohnraumbewirtschaftung befohlen. Das verstanden die Deutschen damals. Murren, aber gehorchen.

Heute haben wir viel. Weil wir viel geschafft haben, aber auch viel genommen haben. Also haben wir auch viel abzugeben.

Ich habe keine Ahnung, wie das Experiment Flüchtlingshilfe ausgeht. Sicher folgt große Ernüchterung. Sicher leuchten gelungene Beispiele. Aber ganz sicher ist es die beste weltweite Imagekampagne für ein anderes Deutschland, besser als Fußball-WM oder Olympia, international gesehen besser als die Einheit, die viele Nationen skeptisch beäugt haben.

Und jetzt das: Der Deutsche, der keine Grenzen aufrüstet, sondern die Arme ausbreitet.

Hans-Herbert Jenckel