Sonntag , 27. September 2020

Bürger fremdeln, statt Menschlichkeit an den Tag zu legen

Lüneburg, 27. August

Am besten gleich an der Grenze Minenfelder, Stacheldrahtzaun, Wachtürme anlegen und scharfe Schäferhunde einsetzen wie weiland die DDR, um die Menschen an der Flucht zu hindern, an der Flucht zu uns, also genauer, an der Zuflucht.  Dann müsste niemand  zur Abschreckung an Asylbewerberheimen zündeln. Die kurzsichtige Gesinnung fände Zulauf. Leider.

Woher kommt diese grassierende Angst vor dem Fremden, die das Sein von immer mehr Bürgern in Aggression und Aversion taucht, die sich auch in Leserbriefen an die LZ mehr oder weniger offen breit macht, diese Angst, dass uns andere was wegnehmen, unsere Gesellschaft unterwandern wollen, unsere Ordnung bedrohen und uns mit den Krisen der Welt konfrontieren, nicht in der Glotze, nein, hautnah?

Heidenau ist eine Wegmarke, da wächst das Geschwür einer feindlichen Gesinnung, protestieren nicht nur Berufs-Krakeeler und Glatzen, da laufen aufgebrachte Bürger mit, die mit Neo-Nazis im Chor singen. Das ehrlich gesagt, macht mir mehr Angst.

Auch ich sehe,  dass sich die Welt selbst im kleinen Lüneburg ändert, dass ich am Sand an manchem Tag  mehr Arabisch als Deutsch höre. Ja. Da ist kein Phänomen, das  mal eben aufflackert und wieder verschwindet.  Wir leben mitten in einem großen Umbruch.  Nichts Neues in der Menschheitsgeschichte, nichts Neues in den Ursachen, nichts Neues in den Folgen.  Neu wäre es, wenn die Welt stillstünde, sich nichts mehr ändert, Ruhe wäre, für immer.

Mich beschämt und ängstigt, wie Flüchtlinge in Bausch und Bogen verteufelt werden, reflexartig, ohne Ansehen der Person. Auch weil bei vielen die Angst umgeht, dass es am Fleischtrog enger wird. Eine Angst, die erst schwindet, wenn man verbrieft etwas mehr hat als die anderen. Das empfindet man dann als gerecht.

Ich stelle mir vor, wie das ist, meine Heimat nur mit einem Bündel und ohne einen Heller für immer zu verlassen, wochenlang auf gefährlichen Routen ins Ungewisse. Und am Ende der Flucht so ein feindseliger Empfang.

Wie wäre es, wenn man es einmal mit einem: „Guten Tag“ versucht,  wenn man einmal die Geschichte des Menschen, der Zuflucht sucht, anhört und man dann vielleicht spürt, wie die Angst womöglich schwindet und sich in Verstehen,  Teilnahme und im besten Fall in Hilfe verwandelt.  So eine Chance würde ich mir auch wünschen.  Niemand muss  gleich vom Saulus zum Paulus werden, aber viele könnten es mit mehr Menschlichkeit versuchen.

Hans-Herbert Jenckel