Dienstag , 22. September 2020

Der Schatten des Landrats, Ulrich Mädge, die Elbbrücke, die rosarote Brille und die missglückte Ehrenrettung

 

blogjj

 

(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj.)

 

Lüneburg, 17. August

Wer zurückschaut, erstarrt manchmal, weil er sieht, was er angerichtet hat. Also ist es schöner, den Blick nach vorne zu richten. Das gilt gerade in der Politik. Schließlich will man Zukunft gestalten, nicht Vergangenheit. Die will man höchstens umdeuten oder verklären. Wenn man also schon in den Rückspiegel schaut, dann bitte durch eine rosarote Brille mit Weichzeichner.

Einer, der das beherzigt, ist Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge.  Er hat jetzt für seinen Landrat Manfred Nahrstedt Partei ergriffen, der in den letzten Wochen viel gescholten wurde, weil er die Planung für die Elbbrücke bei Neu Darchau von seiner rot-grünen Mehrheit im Kreistag beenden ließ. Das sei richtig so, sagt Mädge, die Prügel für den Landrat daher ungerecht.

Mädges Begründung kann aber für die Betroffenen auch anders ausgelegt werden, als Feigheit und Entscheidungsschwäche. Gekniffen wären in diesem Fall eben der Landrat und die Genossen.

Mädge wird so von seiner Stadtpresse zitiert: „Wir wollen den Menschen im Amt Neuhaus helfen. Dazu gehört aber auch, dass man miteinander ehrlich und aufrichtig redet.“ Nach dem Gerichtsverfahren 2007, als das Oberverwaltungsgericht die Brücken-Planung des Landkreises zur Makulatur erklärte, habe niemand den Mut bewiesen, die Wahrheit zu sagen, dass es nichts mehr wird, dass der Kreis auch die Folgekosten nicht tragen könne. Nur wer ist dieser Niemand oder handelt es sich gar um eine Gruppe?

Hier lohnt also ein Blick in die Chronik:

Wer war 2007 Landrat?

Manfred Nahrstedt

Wer saß damals mit der CDU und heute mit den Grünen am Schalthebel der Macht?

die SPD

Welcher politischen Partei gehören Nahrstedt und Mädge an?

der SPD

Wer hat noch Anfang 2013 eine Bürgerbefragung zur Elbbrücke mit Tamtam initiiert?

Manfred Nahrstedt und auch die SPD.

Seither wird über das Ergebnis gestritten. In allen betroffenen Regionen am Strom war die Zustimmung groß, im gesamten Landkreis lagen die Befürworter noch gleichauf mit den Vorsichtigen (Ja, aber nur bis 10 Millionen Euro Kosten für den Kreis) und den Brücken-Gegnern .

Wer hat trotzdem weiter laviert, statt einen Schlussstrich zu ziehen?

Nahrstedt und Rot-Grün.

Jetzt von Ehrlichkeit und Wahrheit zu sprechen, die oft genug außer Reichweite der Politik liegt, ist ein sicher gut gemeintes, aber schlecht recherchiertes und begründetes politisches Manöver.

Was bleibt unterm Strich?

Eine Elbbrücke würde ohne Frage das Leben der Menschen im Amt Neuhaus erleichtern, auch das Zusammenwachsen mit dem Landkreis Lüneburg auf der anderen Seite des Stroms.

Aber eine Brücke würde nicht wirtschaftlich den Durchbruch bedeuten. Da lohnt eine Nachfrage in Dömitz, die Stadt spürt keinen Nutzen, nur mehr Transitverkehr.

Die Brücke würde auf der anderen Seite massiv Natur zerstören. Und ohne Wenn und Aber ist die Elbtalaue im Amt Neuhaus zum Niederknien schön, schon eine kurze Tour auf dem Deich ist entspannend wie autogenes Training. Hier liegt der Schatz, der gehoben werden muss. Das erkennt Mädge als Schatten-Landrat richtig. Für einen Schulterschluss mit dem Amt Neuhaus aber hat er vermutlich die falschen Töne angeschlagen. Vergangenheitsbewältigung sieht in diesem Fall anders aus, und nur sie schafft eine Vertrauensbasis.

Hans-Herbert Jenckel