Wie Menschen durch Smartphones zu Monstranzträgern mutieren

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(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj.)

 

12. August

Egal, ob auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkauf oder beim Flanieren in der Bäckerstraße, wer auf die Straße geht und Wert auf sein Erscheinen  legt, kann heute auf ein Accessoire nicht verzichten: das Handy.

Es geht natürlich nicht ums Telefonieren oder Erreichbar sein, nein, der Handschmeichler hat längst ein Upgrade zum Schmuckstück erfahren, zum Prestigeobjekt, zum kongenialen Begleiter beim Zeittotschlagen.

Dass Leute mehr als 100-mal am Tag wie fremdgesteuert ihr Handy aus der Hosentasche klauben und schauen, ob sich auf dem Display was tut, ist längst out. Der modebewusste  Lüneburger trägt sein Smartphone gut sichtbar spazieren, idealerweise so, als läse er im Gehen auf der Straße ganz entrückt und entzückt in einem Taschenbuch. Dann noch ein bisschen mit dem Daumen auf dem Display spielen, so signalisiert man der ganzen Welt um sich herum, dass man kein Interesse an ihr hat, sondern nur am Universum in diesem kleinen Hand-Computer. Und diese Welt-Verweigerer-Haltung möge jeder respektieren. Man muss sich so kein Schild auf die Stirn pappen: Bitte, nicht ansprechen.

Diese Ich-trage-ein-Handy-Passanten sehen wahnsinnig beschäftigt aus, als dulde das Daddeln und Stieren nicht den geringsten Aufschub. Es erinnert an Prozession und Monstranzträger.

Natürlich greift die iPhone-Mania auch aufs Auto und aufs Rad über, Kohorten kurven und strampeln freihändig durch die Stadt und starren aufs Display. Die Zahl der Unfälle mit der Ursache Handy-Nutzung steigt zwar rapide, aber Modeerscheinungen sind stärker als Warnhinweise. Schließlich steigert das Smartphone den Status. Ein iPhone 6 in der Hand verspricht heute mehr Prestige als ein Porscheschlüssel.

Ich denke, wenn sich erst die Apple Watch durchsetzt und die Jünger je nach Portemonnaie die Sport- oder Goldvariante tragen, dann changiert die Mode um eine Nuance: Fußgänger, die manisch auf ihr Handgelenk starren, als würden sie die Zeit vermessen.

Sie fragen sich natürlich, worauf will er hinaus?  Nichts. Die Antwort ist: aufs Nichts. Diese Mode ist nur ein weiterer Schritt in der Transformation oder Entmündung des Menschen durch scheinbar allwissende Maschinen bis zu dem Augenblick, in dem die Handys in den Händen der Flaneure dank Ortungsdienst ganz von alleine ins Gespräch kommen. Der Menschen wird zum Butler, der das Smartphone nur noch durch die Straßen trägt, eine Hülle, die stumm und stolz auf einen Mini-Bildschirm in der Hand starrt.

Hans-Herbert Jenckel