Freitag , 18. September 2020

Armut hat Lüneburgs Baukultur konserviert – Aber was gehört heute unter Schutz?

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(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ, Kürzel jj.)

Lüneburg, 4. August 2014

Was ist In Lüneburg erhaltenswert?  Was gehört unter Schutz? Nur, was lange genug steht? Oder was Ausdruck eines Zeitgeistes, einer Epoche ist,  schön oder hässlich?  Dem spürte am Wochenende das „Angespitzt“ in der LZ nach:

Lüneburger Industrie- und Wohnkultur aus der Mitte des 20. Jahrhunderts wagen sich die Denkmalschützer noch nicht so richtig ran. Kein Schutzstatus für den sozialen Wohnungsbau der 60er- und  70er-Jahre in Kaltenmoor oder die Strickwarenfabrik Lucia, Ikone eines Zeitgeistes, der nur eine Richtung kannte, nach oben – bis zum Absturz. Dabei sollte sich die Stadt auch zu architektonischen Fehlgriffen bekennen, sie aus der Zeit heraus verstehen lernen wie im Falle der SPD-Zentrale im 70er-Jahre-Stil in der Westlichen Altstadt. Sie hat so klare Kanten, als hätte Franz Müntefering assistiert.

Aber nein, die Stricker-Hallen am Pulverweg sind zwar aktuell in der Diskussion – aber nur als Spekulations- und Abrissobjekt. Und von einem Denkmal-Antrag fürs Heim der Sozialdemokraten ist mir nichts bekannt. Nur im Roten Feld und jetzt im Bungalow-Viertel am Bockelsberg regt sich der Widerstand der Bewahrer. Dort stehen Villen aus der Zeit, als der es geschafft hatte, der weißgekalkte Mauern und eine hohe Hecke sein Eigen nannte.

Ältere Lüneburger erinnern sich auch gerne an den Schornstein der berühmten Senffabrik Leppert am Sand. Der Solitär auf dem Hinterhof konkurrierte mit dem schiefen Turm von St. Johannis. Der Schlot hätte das Zeug zur Rarität Wilhelminischer Aufbruchstimmung gehabt. Aber nein, Abriss. Was ist mit den einst 79 Brauereien im Herzen der Stadt? Weg, bis auf die Krone. Die alte MTV-Turnhalle, das Badehaus. Weg. Alle waren stattdessen fasziniert von Waschbeton. Es war die Zeit der Kübel-Architektur.

Dass Lüneburg trotzdem so berückend schön, ja als Gesamtkunstwerk zu verstehen ist, liegt an der Pleite nach dem Salz-Boom im Mittelalter. Nur deswegen stehen noch all die schönen Giebel. Wäre den Patriziern und Bürgermeistern nicht das Salz-Geld ausgegangen, auch das Rathaus hätte sich wie Jahrhunderte davor weiter gehäutet. Es wäre weiter flächendeckend à la mode gebaut worden: mal Neo-Gotik, mal Neo-Barock, Neo-Klassizismus oder Neo-Renaissance, Bauhaus, Beton und schließlich Postmoderne. Gar nicht auszudenken. Den Bürgern wäre der Schlüssel, ja die fassbare Gewissheit der eigenen großartigen Geschichte verloren gegangen. In diesem Fall war Armut ein Glücksfall, oder, wie die Denkmalschützer sagen: Armut konserviert.

Zurzeit haben die Architekten in den Neubaugebieten einen Hang zum Starenkasten. Flachdach, Glas, Klarheit, Kante. In Lüneburg könnte der Stil als Neo-Hanse durchgehen. Es gibt ein gleichnamiges Viertel in der ehemaligen Schlieffenkaserne. In spätestens hundert Jahren hat das Quartier Denkmal-Potenzial mit dem Akzent: Was haben die sich damals wohl gedacht?

Unter der Prämisse: Wo Geld fehlt, gewinnt der Denkmalschutz, umgekehrt der Abrissbagger, hege ich für manchen entgleisten Straßenzug der Kasten-Architektur, bei aller Sympathie für den Denkmalschutz, doch die Hoffnung, dass noch lange viel Geld verdient wird.

                                 Hans-Herbert Jenckel