Mittwoch , 28. Oktober 2020

In Lüneburg kreuzen sich die Wege von Hass, Vergebung und Verdrängung

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(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über politische Themen aus Stadt und Landkreis Lüneburg. Der Blog heißt jj, weil das sein Kürzel in der LZ ist.)

Lüneburg, 29. April

Wie geht man mit so einem Schicksal um? Täter oder Überlebender des Holocaust.

Hassen oder vergeben, büßen oder verdrängen und verschweigen?

Es gibt keinen Allzweck-Kompass in dieser Tragödie. In Lüneburg kreuzen sich in diesen Tagen die Pfade von Menschen, die Unfassbares erlitten und mit verursacht haben.

Der Angeklagte Oskar Gröning, der zu den Siegern gehören wollte und unter die Mörder geriet. Dessen bürgerliches Leben mit 19 eigentlich endete, als er als SS-Mann durch das Tor von Auschwitz schritt. Angeklagt der Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen in Auschwitz, er  sieht sich lieber als ,,Rädchen“ im NS-Getriebe, heute als Zeuge unsagbarer Gräuel.

Die Holocaust-Überlebende Eva Mozes Kor, die Gröning im Gerichtssaal umarmt und vergibt, die dafür von manchen Überlebenden angefeindet, von Justizminister Heiko Maas und anderen bewundert wird.

Oder die Zeugin Eva Pusztai-Fahidi.  „Was war schon der Herrgott gegen einen SS-Mann in Auschwitz-Birkenau. Nichts.“ Sie reicht Gröning nicht die Hand.

Die Suchenden aus Täterfamilien im Gerichtssaal wie der Enkel von Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß oder der Enkel eines führenden Kopfes der NS-„Rassenhygiene“ und  Mengele-Doktorvaters, die auf Erklärung und Aussöhnung hoffen.

Die betagte Leugnerin, die um den Gerichtssaal schleicht und Anzeigen wegen Volksverhetzung kassiert wie Orden.

Die Richter, die nicht nur über Gröning, sondern auch über ein weiteres Versagen zu Gericht sitzen,  das ihrer Kaste, die sich dem Schweigepakt im Nachkriegs-Deutschland angeschlossen hatte und sich so selber schuldig machte, weil viele NS-Verfahren nicht zur Anklage kamen, weil sonst auch viele Rechtsprecher ihre eigene Geschichte hätten in Frage stellen und erkennen müssen, dass sie auch Rädchen in einem Monster-Getriebe waren. Das wurde lieber bemäntelt. Aktendeckel zu und verdrängen, Strafvereitelung im Amt.

Ach ja, und die Erklärer, die Journalisten, von denen viele in der Vergangenheit auch nicht genau genug hingeschaut haben, zwar das Versagen der Justiz hier und da an Einzelfällen aufgedröselt, aber nicht das Muster aufgedeckt haben.

Das klingt nach Bühne und Drama, ist aber ein Gerichtsverfahren, wo Opfer endlich zu Zeugen werden. Darauf haben manche 70 Jahre gewartet. Das Urteil könnte das Schicksal aller Betroffenen prägen, den eigenen Kompass norden. Und es könnte eine letzte Gewissheit für die vielen kleinen noch lebenden ehemaligen Rädchen im NS-Getriebe sein, dass sie eben schuldig sind, dass sie aktiv zur größten deutschen Tragödie beigetragen haben, weil sie ihren Kompass, auf dem „Menschlichkeit“ stand, weggeworfen hatten.

Hans-Herbert Jenckel