Mittwoch , 21. Oktober 2020

Der blinde Fleck, das Vorurteil und der Hass-Kommentar

(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über politische Themen aus Stadt und Landkreis Lüneburg. Der Blog heißt jj, weil das sein Kürzel in der LZ ist.)

Lüneburg, 2. April

Wenn auf der LZ-Facebook-Seite über die Schießerei am Klinikum, den Prozess oder die Polizeipräsenz in der Innenstadt berichtet wird, dann schlägt die Stunde der Vorurteile und des Hasses. Bei den Kommentaren zu den Posts können die Onliner in der Redaktion gar nicht so schnell die Löschetaste drücken, wie sie möchten. Und selbst danach ergibt sich immer noch ein Bild, das wenig mit einer Diskussion zu tun hat, aber dafür eine Welt widerspiegelt, die nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse und vor allem einfache Lösungen kennt.

Es wird der Eindruck erweckt, Ausländer allein hätten das Virus der Kriminalität nach Lüneburg eingeschleppt. Den lieben Mitbürgern, die glauben, Lüneburg sei vorher ein unschuldiger weißer Fleck auf der Landkarte der Kriminalität gewesen und jetzt könne man die Anfänge mit ein paar Ausweisungen und Verhaftungen Im Keim ersticken, sind gesegnet mit einem blinden Fleck. Nein, auch in Lüneburg herrschen, wie in jeder anderen Stadt gleicher Größe und vor allem in den Metropolen, Clans und mafiöse Strukturen. Und das nicht erst seit gestern. Früher waren das nur deutsche Banden, mittlerweile sind die, das sei erwähnt, in der Minderheit. Rotlicht, Heroin, Geldwäsche besorgen andere.

Selbst der Ortsgruppe Uelzen der Bundespolizeigewerkschaft war es jetzt zu viel, sie setzte einen mittlerweile wieder gelöschten Post bei Facebook ab, der ein Riesenecho auslöste. Da hieß es: „Wir müssen keine marodierenden Großfamilienclans in unserer Gesellschaft akzeptieren, die glauben, das Recht in die eigene Hand zu nehmen… Wir sind zu Recht stolz auf unsere Demokratie – unsere Toleranz – unsere Liberalität. Aber es muss rote Linien geben, für Menschen, die sie ausnutzen. Die sie missbrauchen, um ihre kriminellen Machenschaften durchzusetzen. Die ihren Wertvorstellungen aus ihren Kulturkreisen mit Drohung und Einschüchterung Geltung verschaffen wollen. Wir müssen nicht vor lauter Toleranz alles hinnehmen, was eigentlich die große Mehrheit in unserer Gesellschaft nicht will.“ Genau dafür sind eigentlich Gesetze da, Gesetze, die für alle gelten, gleich und ohne Ausnahme. Das ist das Wesen einer Demokratie. Ist sie intakt, hält sie viel aus.

Mit gnadenlosen Richtern, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen, haben wir in der Geschichte und in jüngerer Vergangenheit mörderische und miese Erfahrungen gemacht.

Gerade in diesen geschichtsträchtigen Tagen mag ich mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn alle anderen Länder so ihre Vorurteile gegen die Deutschen pflegten, wie es hier einige praktizieren.

Mein Osterwunsch: Kommentare, die Ärger und Mitgefühl erklären und nicht dumpfe Lösungen propagieren wie: Weg damit oder alle in eine Halle stecken, zusperren und dann sollen sie das austragen. Das ist die Fratze der Intoleranz. Mir ist es zehnmal lieber, und koste es viel, wenn die Polizei mit hoher Präsenz zeigt, dass hier Gesetze gelten, die unsere demokratisch gewählten Organe geschaffen haben und keine Clans. Gesetzesbrecher und auch mafiöse Strukturen wird es trotzdem weiter geben – wie seit Jahrtausenden, sonst wäre Justitia auch arbeitslos.

Hans-Herbert Jenckel