Freitag , 30. Oktober 2020

Fluch und Segen der Umgehungsstraßen im Kreis Lüneburg

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(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über politische Themen aus Stadt und Landkreis Lüneburg. Der Blog heißt jj, weil das sein Kürzel in der LZ ist.)

Lüneburg, 26. März
Eine Umgehungsstraße ist Fluch und Segen zugleich. Ohne ist es laut und gefährlich im Dorf, mit ruhiger, manchmal auch totenstill.

Lüneburg ohne Ostumgehung, das hieße heute täglich Verkehrstumult auf der Schießgrabenstraße. Da ginge es Lüneburg noch schlechter als Melbeck mit der B4. Tief im letzten Jahrhundert sträubten sich dort Ratsherren gegen eine Umgehungsstraße. Ein paar Heidmärker im Dorfkrug, der bei der Umfahrung umsatzträchtiges Transit-Publikum verloren hätte, machten die Lokalpolitiker nicht nur fahruntüchtig, sondern auch leichtsinnig. Und so wurde als Alternative eine mehrspurige Asphaltschneise mitten durchs Dorf geschlagen. Vorgärten schrumpften für die Trasse auf Bonsaimaß. Die Mitte von Melbeck markiert heute ein bewegliches, kilometerlanges Blechmonster.

Nie zuvor und nie wieder danach wurde eine Ortsstruktur im Landkreis Lüneburg durch einen Planerhieb so vergewaltigt, ein Dorf einfach in zwei Teile zerschlagen. Alle ,,Renaturierungsversuche“ haben an der Schande nichts geändert.

Gegenbeispiel Kirchweyhe, unweit von Melbeck an derselben B4 gelegen. Der Ort wird heute weiträumig umfahren. Am Wochenende hatte ich, von Braunschweig kommend, einen Streit im Auto, ob wir nun schon an Kirchweyhe vorbei seien oder nicht. Ruhe sanft.

Auch der Flecken Dahlenburg hat nach jahrelangem Kampf eine Umgehung. Der Ortskern ist erfolgreich beruhigt. Kneipen sind verschwunden, Einzelhändler eine seltene Spezies.

Verkehrsplanung ist vor diesem Hintergrund die Quadratur des Kreises. Sie kennt fast nur Verlierer. Entweder Lärm und Gestank oder Naturverlust und Dorfladen-Sterben. So oder so heißt die Begleitmusik Protest und Klage, mal von Bürgern, mal von Umweltschützern.

Solange wir in gelackten Bleckbüchsen von A nach B wollen, haben wir nur die Wahl zwischen Pest und Cholera – es sei denn Autos und Lkw könnten das Fliegen lernen. Dann ist es unten ruhiger, aber oben sind Schwalben und Kraniche die Opfer, wenn sie nicht schon von Windrädern geschreddert wurden.

Der französische Philosoph Blaise Pascal hat wieder Recht: Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.

Hans-Herbert Jenckel