Freitag , 30. Oktober 2020

Jetzt träumt Hamburg Lüneburgs Traum von der Fahrradstadt

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(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über politische Themen aus Stadt und Landkreis Lüneburg. Der Blog heißt jj, weil das sein Kürzel in der LZ ist.)

Lüneburg, 10. März 2015

Ich muss noch einmal aufs Rad kommen:

„Rot-Grün einigt sich: Lüneburg wird Fahrradstadt“

Das wäre eine Traum-Schlagzeile für die Landeszeitung.

Radschnellstraßen, auf denen Radfahrer Vorfahrt haben oder die für Autos ganz gesperrt sind, mehr Personal für die Radverkehrsplanung und ein massiver Ausbau des Stadtrad-Netzes.

Die Schlagzeile und die Inhalte standen Dienstag, 10. März 2015, wirklich in der Zeitung, nur nicht in der Landeszeitung, sondern im Abendblatt, und auch nicht für Lüneburg, sondern für Hamburg, die Hansestadt, die 24-mal so groß und komplex ist wie Lüneburg, wo die Autofahrer jeden Morgen über Dutzende Kilometer im Stau stecken. Und trotzdem: Vorfahrt für Radfahrer. Hut ab, Rot-Grün in Hamburg.

Ausriss aus Hamburger Abendblatt, Seite 1, Dienstag, 10. März 2014
Ausriss aus Hamburger Abendblatt, Seite 1, Dienstag, 10. März 2014
Hamburgs Grünen-Chefin Katharina Fegebank, die auch mal ein Engagement an der Lüneburger Leuphana hatte, spricht von einer „radikalen Beschleunigung des Ausbaus des Radverkehrs“. Die Grünen haben für den Radstadt-Status in den Koalitionsverhandlungen mit der SPD einen hohen Preis gezahlt, sie müssen sich von einem Wahlversprechen verabschieden, der Stadtbahn.

Insofern müssten die Grünen in Lüneburg eigentlich leichtes Spiel bei ihrem roten Koalitionspartner Oberbürgermeister Ulrich Mädge haben, der in Sachen Pragmatismus und Hartnäckigkeit dem Ersten Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz, ebenbürtig ist.

Als Versuchsballon könnte das Hanse-Viertel ein zweite Chance bekommen. Schließlich träumte man in Lüneburg für die verwaiste Schlieffen-Kaserne einst den Traum eines Freiburger Quartiers Vauban im Norden. In Freiburg/Breisgau ist eine alte Kaserne, benannt nach Festungsbaumeister Vauban, heute ein bundesweit beachteter Öko-Vorzeige-Stadtteil, teils autofrei, mit Parkgaragen an der Peripherie, mit buntem, alternativem Flair, mit Wohn- und Straßen-Genossenschaften, die Null- oder Niedrig-Energie-Wohnprojekte ohne Bauträger hochgezogen haben.

In Lüneburg ist aus der Schlieffen-Kaserne bisher nur ein großartiges Rendite-Projekt geworden. Eckig, Post-Bauhaus-Konfektionsware – ohne alternative Tupfer.

Es ist eben ein langer Weg von:
Meine Bauhaus-Villa, mein SUV, mein Carport
zu
Mein Öko-Haus, mein Fahrrad, meine BahnCard 100.

Vielleicht ist es ein kleiner Anreiz, dass die erste Fahrradstraße in Lüneburg nach dem Antragsteller benannt würde.

Und wer gegen den Parknotstand am Markt noch ein paar Radbügel aufstellt, bekommt auch eine Messing-Plakette mit Namenszug.
Hans-Herbert Jenckel

Rad-Park-Notstand am Markt in Lüneburg.  Foto: jj
Rad-Park-Notstand am Markt in Lüneburg.
Foto: jj