Mittwoch , 21. Oktober 2020

Lüneburg radelt weiter im Mittelmaß – Es fehlt ein Senator Cato

blogjj(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über politische Themen aus Stadt und Landkreis Lüneburg. Der Blog heißt jj, weil das sein Kürzel in der LZ ist.)

Lüneburg, 24. Februar
Nur Mittelmaß, und das im Oberzentrum. Lüneburg wurde beim ADFC-Fahrradklima-Test mit einer Gesamtnote von 3,6 bewertet.

Das Ergebnis wäre nicht der Rede wert, hätte die Hansestadt nicht den Anspruch, eine Öko-Radler-Stadt zu sein, eine, in der sogar Grüne mitregieren. Das Ziel haben sich Rat und Verwaltung vor einem Vierteljahrhundert mit dem Verkehrsentwicklungsplan gesteckt.

Doch sie verlieren es immer wieder aus den Augen – bis der Druck wieder mal zu groß wird: Am Bahnhof erzwang die schiere Masse wild abgestellter Räder einen zweiten Radspeicher, nicht der freie Wille gab den Ausschlag. Markt und Sand sind bei gutem Wetter dermaßen mit Drahteseln zugeparkt, dass dort in den Randzonen immer neue Radbügel-Phalanxen aufgereiht werden, um die Not zu lindern.

Aber es hapert beim Grundsätzlichen, beim kleinen Abc des Radverkehrs: Wie sind die Wege beschaffen? Wie gut ist die Verkehrsführung? Wann eröffnet Lüneburg eine Fahrradstraße? Auf diese Fragen fehlen Antworten, die einer Radfahrer-Stadt angemessen wären.

All das ist hier im Blog schon beklagt worden. Leider muss man es wiederholen wie der römische Senator Cato, der jede seiner Reden im Senat mit den Worten beendet haben soll: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss. So ein Cato fürs Rad fehlt im Rat, einer, der bei jeder Sitzung aufsteht und fordert: Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass Lüneburg mehr Geld ins Radwegenetz stecken muss.

Googeln Sie einmal „Lüneburg“ und „Radfahren“: Sie finden Heide-, Ilmenau- oder Elbe-Touren. Stadt Lüneburg? Fehlanzeige. Oder gehen Sie auf die Intenetseite der Stadt www.lueneburg.de und geben Sie das Stichwort Radfahren ein. Dann wissen Sie, welche Wertschätzung das Rad erfährt. Besonders sehenswert ist der Fahrrad-Stadtplan, wo zum Beispiel in der Detailansicht die Schießgrabenstraße laut Legende als „nicht benutzungspflichtiger Radweg“ eingezeichnet ist. Kann ich wahlweise auf der Straße oder dem Fußweg fahren? Der Weg mündet jedenfalls in die Lünetorstraße Richtung Stint, wo ein Stummel von 20 Metern „benutzungspflichtig“ ist, danach gilt „Radfahren auf der Straße“. In der Übersichtskarte sieht das alles etwas anders aus, das macht es nicht besser, sondern verwirrender und angestaubt.

Als Interessenvertretung der Radler dient auch in Lüneburg der ADFC. Der letzte Bericht über eine „Rats-Tour“ mit Kommunalpolitikern auf der Internetseite des Clubs stammt von 2010. Es gibt dort sogar eine Seite für „Verbesserungen in LG“, dort finden Sie ein einziges Beispiel. Ende.

Der halbherzige Umgang ist das grundlegende Problem. Auch das spiegelt sich im ADFC-Fahrradklima-Test wider, es fehlen den Teilnehmern die guten Nachrichten, stattdessen lesen sie mehr über Rad-Rambos. So schneidet die Berichterstattung fast so schlecht ab wie die Ampelschaltung, die Führung an Baustellen oder der Zustand der Wege.

Wenn die Grünen im Lüneburger Rathaus mitregieren, sollten sie die Gesamtnote 3,6 vom ADFC wahlweise als Watschen oder Weckruf sehen.

Cato, wo bist du?

Hans-Herbert Jenckel