Samstag , 15. August 2020

Lüneburgs Pawlowsche Hunde in der Zwickmühle zwischen Kirchturmpolitik und Visionen

Lüneburg, 17. Februar
blogjj
(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über politische Themen aus Stadt und Landkreis Lüneburg. Der Blog heißt jj, weil das sein Kürzel in der LZ ist.)

Lokalpolitiker stecken in der Zwickmühle: Betreiben sie Kirchturmpolitik, schrauben nur ein bisschen an Hunde- und Gewerbesteuer, kauen das Graubrot der Mandatsträger, mosern die Bürger: Was für Lahmtüten. Denkt einer aber groß und laut, weil gerade ein Förderprogramm lockt und dem Abgeordneten wie einem Pawlowschen Hund das Wasser im Mund zusammenläuft, erreicht ihn im Handumdrehen das Geschrei der kritischen Masse: Der hat Visionen, der muss zum Arzt.

Manchmal ist es aber auch nur eine Frage des richtigen Zeitpunktes. Also nicht immer gleich Sturmläuten. Ein Beispiel: Landrat Manfred Nahrstedt. Der möchte Teile des Standort-Übungsplatzes bei Wendisch Evern in Gewerbefläche umwidmen. Grundsätzlich muss er solche Überlegungen anstellen dürfen, nachdem die Bundeswehr in Lüneburg von 6000 auf 800 Soldaten geschrumpft ist. Der prompte Protest der Stabsfeldwebel a.D. und aktiven Offiziere (Reflex in Uniform) ist dem Umstand geschuldet, dass der Landrat, solange er nur ventiliert, sich nicht an Victor von Hase hielt („…ich weiß von nichts.“). Und gerade jetzt, wo Europa ein einziger Krisenherd ist, scheint kaum der richtige Augenblick für Sandkastenspiele mit der Truppe.

Oder die Forderung der Sozialdemokratin Andrea Schröder-Ehlers, das 3. Gleis weiter Richtung Uelzen zu treiben. Jahrzehnte wurde für das 3. Gleis von Maschen nach Lüneburg gekämpft. Aber hat ernsthaft jemand geglaubt, in Lüneburg ende der Güterstrom auf dem Gleis wie von Geisterhand? Lüneburg sei ein Sackbahnhof? Nein, hier werden keine Container auf Lkw verladen, damit der ICE freie Fahrt hat. Es war nur nicht mehr Geld im Fördertopf als für den Abschnitt bis Lüneburg, es wurde nur das Nadelöhr auf der Nord-Süd-Strecke Richtung Uelzen verschoben. Insofern ist Schröder-Ehlers Vorstoß berechtigt, das sehen nur die Menschen in Deutsch Evern aus ganz persönlichen Gründen anders. Und eventuell hat der Vorschlag schon sein Verfallsdatum überschritten, weil die Rahmenbedingungen sich verändert haben.

Für den goldenen Mittelweg (möglichst viel Vision, möglichst wenig Bürgerzorn) empfiehlt sich eine Anleihe bei Altkanzler Adenauers, der 1959 das Wort an die CDU/CSU-Fraktion richtete: „Wissen Sie, meine lieben Parteifreunde, mein Freund Pferdmenges hat drei verschiedene Bezeichnungen der Wahrheit. Er sagt: ‚Das ist die Wahrheit‘, dem gegenüber steht der Ausdruck, ‚das ist die reine Wahrheit‘, und wenn es ganz hoch geht, sagt er, ‚das ist die lautere Wahrheit‘. Ich verspreche Ihnen, die reine Wahrheit zu sagen. Ich entnehme Ihren Mienen, dass Sie damit ganz zufrieden sind.“

Mit der Wahrheit ist es eben vertrackt, Politiker treffen fast nie das richtige Maß: Sagen sie zu wenig, sind sie wahlweise Lügner oder Verharmloser, tischen sie alles auf, verbreiten sie Visionen und müssen dringend zum Arzt.

Hans-Herbert Jenckel