Mittwoch , 21. Oktober 2020

Kalter Rauch vom netten Nachbarn als „Hallo Wach“

rauch
(Im Blog.jj schreibt diese Woche Ann-Kathrin Timmann über das Leben und Leiden mit netten, aber rauchenden Nachbarn. Sie studiert seit 2011 „Kulturwissenschaften und Digitale Medien & Kulturinformatik“ im Bachelor an der Leuphana Universität und lebt in Lüneburg.)

Lüneburg, 10. Februar
Heute Morgen bin ich durch einen kräftigen Atemzug kalten Zigarettenrauchs geweckt worden. Für die meisten Menschen wäre dies auch deshalb besonders verwunderlich gewesen, da ich zu diesem Zeitpunkt noch im Bett lag. Für mich ist das leider nicht so verwunderlich. Dazu muss ich erklären: Ich wohne im ersten Stock, direkt über einer sehr schönen Lüneburger Terrasse, die ich, wenn ich ehrlich bin, auch gern mein eigen genannt hätte. Nun vergönne ich meinem Nachbarn die Terrasse aber nicht. Im Gegenteil, ich versuche nachsichtig zu sein, wenn dieser Nachbar und sein ca. 10 jähriger Sohn samstags morgens um halb neun vor meinem Fenster hämmern, denn der Mann ist Heimwerker.

Wirklich schlecht komme ich allerdings mit dem Umstand klar, dass der Nachbar auch begnadeter Kettenraucher ist. Schließlich bin ich begnadete Frischluftschläferin und öffne nachts stets eben jenes Fenster über der Terrasse des Nachbarn. Daher werde ich also recht häufig morgens durch den wunderbar frischen Geruch kalten Zigarettenrauchs aus dem Bett getrieben, um dann mein Fenster möglichst schnell vor noch mehr Qualm zu verschließen.

Besonders ärgere ich mich darüber, dass ich es direkt in der Anfangszeit nicht geschafft hatte, den Nachbarn zu bitten, sich doch zum Rauchen ein paar Schritte vom Haus zu entfernen, sodass der Rauch nicht direkt in mein Fenster weht – schließlich raucht er ja auch nur draußen. Nun ist es jedoch zu spät! Ich habe den Moment verpasst. Einfach zu lange gewartet. Meist war ich im Stress gewesen, „gerade nicht in der Stimmung“, eh nur kurz zu Hause oder schlicht noch im Schlafanzug. In der sichern Überzeugung, diesen Moment verpasst zu haben, in dem eine Beschwerde „ok“ gewesen wäre, bin ich nun also dazu verdonnert auf ewig Regen herbei zu wünschen und passiv-aggressiv allmorgendlich – und auch zu anderen Tageszeiten – das Fenster zuzuknallen, in der Hoffnung der Nachbar verstünde den Zusammenhang irgendwann.

Der BGH hat kürzlich (V ZR 110/14 vom 16.01.15) entschieden, das für das Rauchen auf Balkonen „feste Zeiten“ vereinbart werden sollten, welche alle Nachbarn gleichermaßen zu ihrem Recht kommen ließen. Ein Mieter, der im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnt, hatte gegen den Mieter im Erdgeschoss geklagt, da er sich durch ständigen Qualm auf seinem Balkon gestört fühlte. Das BGH hat nun entschieden, dass hier zwei grundrechtlich geschützte Besitzrechte kollidieren: zum einen das Recht auf eine belästigungsfreie Nutzung des Balkons, sowie das Recht zur Verwirklichung der eigenen Lebensbedürfnisse. Daher müsse eine gleichermaßen faire Vereinbarung zwischen den Mietern getroffen werden. Dies gelte auch, wenn der Vermieter das Rauchen auf Balkonen vertraglich zugesichert hätte, denn diese Vereinbarung rechtfertige nicht die Störung Dritter. Eine Störung liegt in diesem Fall aber nur dann vor, wenn sich daraus nachweißlich eine gesundheitliche Beeinträchtigung des Klägers ergibt. Ein Schaden ist in meinem Fall wohl nicht nachzuweisen.

Ich kann auch nicht auf das Verständnis der Hausverwaltung hoffen, denn leider wohne ich in einem Lüneburger Apartmenthaus, welches das Rauchen ausdrücklich erlaubt! Sogar auf den Fluren, wenn der Raucher sich gerade auf dem Weg nach draußen befindet. Das ist nämlich auch rechtens! Auch das Büro der Hausverwaltung ist stets in blauen Dunst getaucht und wird durch eine durch und durch sehr nette Dame mit kratziger Raucherstimme betreut.

Doch was ich nun mit meinem Raucherterrassen Nachbarn machen soll, weiß ich nicht. Ich mag meine Wohnung! Sie liegt sehr komfortabel mittig zwischen Altstadt und Uni-Campus und der Kurpark und ein Schwimmbad sind nur eine Straße entfernt. Einkäufe kann ich zu Fuß erledigen. Umziehen möchte ich daher eigentlich nicht, auch weil mich das viel Stress, Arbeit und Geld kosten würde.
Vielleicht werfe ich dem Nachbarn einfach bei Gelegenheit eine Packung Nikotinpflaster in den Briefkasten und hoffe auf das Beste. Und dann bleibt mir ja auch immer noch das passiv-aggressive Fensterknallen… wer weiß, vielleicht geht ja auch dem Sohn ein Licht auf, wenn sie gerade mal nicht gemeinsam an etwas Hämmern.
Ann-Kathrin Timmann