Sonntag , 25. Oktober 2020

Die Achillesferse des Lüneburger Oberbürgermeisters

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(Den Blog.jj füttert Hans-Herbert Jenckel, Geschäftsführender Redakteur und Online-Chef der LZ. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über politische Themen aus Stadt und Landkreis Lüneburg. Der Blog heißt jj, weil das sein Kürzel in der LZ ist.)

Lüneburg, 27. Januar

Hanse-Viertel? Zu teuer. Rotes Feld? Sowieso. Innenstadt? Alles dicht. Kaltenmoor? Zu unsicher. Und die Neubausiedlungen vor den Toren der Stadt? Na, da stehen vielleicht doch schon zu viele „Säulen-Villen“, bei denen man glauben könnte, Renaissance-Genie Andrea Palladio sei nach 435 Jahren auferstanden, allerdings mit zwei linken Händen.

Bildungspolitik mag die Lüneburger schon seit einem Jahrzehnt umtreiben, auch die Frage, wo neue Discounter öffnen. Aber mehr noch sorgen sie sich aktuell um Wohnungen, solche, die sie noch bezahlen können. Längst ist der Wohnungsmarkt der Hansestadt zu einem reinen Verkäufermarkt degeneriert. Die Preise explodieren, die Makler spekulieren und die wütenden Bürger pflegen ihr Vorurteil: Wer im Hanse-Viertel Quartier bezieht, wird per se als reicher Hamburger Schnösel gedisst, der für die Lüneburger die Preise ruiniert. Im Roten Feld wird man als Spekulant verspottet. Und wer dann nach Kaltenmoor ausweicht, ist gleich ein potentieller Amokläufer.

Häuser werden zwar noch angeboten, aber noch lieber angesichts der Interessenten-Schar versteigert. ,,Geben Sie doch bis Montag ein Gebot ab“, charmiert der Makler-Abgesandte mit Haifisch-Lächeln. Da hilft kein Verweis auf den Preis in der Annonce. Man glaubt sich in einer Auktionshalle. Die Atmosphäre ist vergiftet.

So hitzig die Diskussion über Bauland und Wohnraum geführt wird, so mickrig ist der Baulandstreifen, der Lüneburg überhaupt noch zu Verfügung steht.

Vor diesem Hintergrund haben die Eingemeindungs-Träume des Lüneburger Oberbürgermeisters gar nichts mit Großmannssucht zu tun, die ihm gerne unterstellt wird, sondern eher mit Alternativlosigkeit. Es ist die pure Not, die ihn treibt. Und jede Gemeinde sollte es wohl überlegen: Wer unters Rathausdach schlüpft, wird immerhin in den Adelsstand „Hansestadt“ erhoben. Der Titel ist Gold wert, verspricht Ulrich Mädge.

Der Oberbürgermeister steht in der Frage unter Druck. Der Wohnungsmarkt könnte seine Achillesferse werden. Als Mann mit Elefantengedächtnis und notfalls dem vermutlich größten privaten LZ-Artikel-Archiv im Keller weiß er genau, mit welchen Themen er 1991 das Amt des Oberbürgermeisters erobert hat: Finanzen, Verkehr und vor allem Bauland.

Jetzt muss er aufpassen, dass er in der Erfolgsspur bleibt und sich nicht im Kreis dreht und dort wieder landet, wo er angefangen hat: beim Wohnraum-Mangel.
Hans-Herbert Jenckel