Dienstag , 29. September 2020

Lüneburger Ratsdebatten können Schwielen am Hintern und an Hirnwindungen verursachen

Lüneburg, 6. Januar 2015
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“
Die verblasene Mahnung erzkonservativer Handwerksmeister wird heute noch an einem Ort in Lüneburg gelebt: im Rathaus, genauer im Rat.

Wer dort nicht mit Lust durch das Schlammbad der Schmähungen und Mobbing-Attacken watet, wer nicht Schwielen am Hintern von Dauer-Debatten und an den Hirnwindungen dank verabreichter Verbalinjurien hat, ist vermutlich ein ,,Weichei“, wird niemals ein Ratsfuchs und ergreift besser mit Notlügen die Flucht zurück ins Private.

Dass der Rat dank regelmäßiger Wort-Scharmützel à la ,,Hornberger Schießen“ Gefahr läuft, nicht nur unter Nachwuchssorgen zu leiden, sondern vor allem unter Zuhörer-Notstand, ist eine traurige Gewissheit. Ein Dutzend Zuhörer bei fast 76 000 Einwohnern ist schon eine gute Quote.

Es wird aber auch alles getan, um die Bürger auf Distanz zu halten. Neugierige Lüneburger, die ein Tagesordnungspunkt doch reizt, verlassen oft genug vorzeitig gemürbt und gefrustet die Sitzungen, weil die Ratsherren sich solange an einem anderen Punkt festgebissen haben, dass TOP-Stau im Rat herrscht. Eilanträge und Resolution zu ,,Lüneburg gegen die Sommerzeit“ oder „Keine Brötchenteiglinge aus China an Lüneburger Schulkiosken“ vertreiben Zeit und Zuschauer.

Hoffnung auf bessere Zeiten versprechen nur junge Talente, die den Ballast über Bord werfen. Das wäre noch ein Wunsch fürs neue Jahr.

Aber wo sind die Talente, von denen OB Mädge sagen würde, sie hätten „den Marschallstab im Gepäck“? Forsche Jungpolitiker, die verkrustete Strukturen aufbrechen und Feinbilder abbauen? Vielleicht Friedrich von Mansberg bei der SPD, Björn Adam bei den Grünen, Niels Webersinn bei der CDU oder doch Michel Pauly von der Linken.

Der Pauly sieht immer noch ausgesprochen freundlich aus, obwohl er im Rat schon viel Prügel hat einstecken müssen. Weiche Hülle, harter Kern. Er funkt auf allen Kanälen, und das nachhaltig. Und er steht im Stoff. Seine tiefrote Überzeugung könnte vielleicht sein einziger Karriere-Blocker werden. Er hat eine Überzeugung. Das hat bei windschnittigen Politikern, wie heute erwünscht, Seltenheitswert.

Mal sehen, was aus den Talenten wird, wenn die Jung-Lokalpolitiker sich im Rat verpuppen, eine Made oder ein Schmetterling oder doch wieder ein träges Krokodil mit einer dicken Hornhaut, das nur auf Beute lauert.

Hans-Herbert Jenckel