Samstag , 26. September 2020

Lüneburgs Gartenfreunde und die Hecken-Politesse

Lüneburg, 15. Oktober

Naturschützer, das steckt schon im Namen, sind gute Menschen. Sie hegen und pflegen Fauna und Flora und heben den Zeigefinger, wo Missstände ins Kraut schießen. Die Frage ist nur: Was passiert, wenn sie des Guten zu viel wollen?

Die Stadt Lüneburg hat im vergangenen Jahr eine Baumschutzsatzung auf Zeit aufgelegt, nachdem im Roten Feld ein Investor alte Bäume einfach umgelegt hatte. Erst der Frevel überzeugte die Zauderer. Nun schlagen Vordenker von NABU und BUND in ihren neuen Empfehlungen für dieses Regelwerk einen schärferen Ton an.

Die Ökopaxe möchten nicht nur Bäume, sondern auch manche Hecken und Sträucher unter Schutz stellen. Empfindliche Geldbußen und ein Pranger schweben ihnen bei Verstößen vor. Ohne Hecken-Politessen analog zur Parkraum-Observation allerdings wird das nicht effektiv umzusetzen sein, dafür aber würde es teuer. Und die Gefahr und der Anreiz, dass der Nachbar sich zum Denunzianten berufen fühlt, sie scheinen dann riesengroß.

Alle kennen die sogenannten Mugshots von Prominenten aus den USA, die von der Polizei abgelichtet werden, weil sie zu schnell oder betrunken unterwegs waren. Tausendfach gedruckt und im Internet gepostet. So weit wollen die Naturschützer das Bloßstellen und den Voyeurismus nicht treiben, es reicht ihnen, den Tatort der radikal gestutzten Hecke zu nennen und als Mahnung das Strafmaß dazu. Abschreckung ist die Absicht.

Der Vorstoß passt  ins Klischee von der deutschen Gründlichkeit. Doch die führt bekanntlich auch immer zu einem Wust weiterer Vorschriften – für die Ausnahmen von der Regel. Mit Heckenpolizei und Schandpfahl schießen die Naturschützer deutlich übers Ziel hinaus. Besser als Vorschriften sind Einsichten. Der Naturfreund wird sonst schnell zum Oberlehrer, und die gute Absicht umtost das Geschnaube der Regulierungswut.

Hans-Herbert Jenckel&Co.