Freitag , 18. September 2020

Die Leuphana gibt das Stück: Hoch hinaus

Lüneburg, 7. Oktober

Die Leuphana ist blutjung. Vor acht Jahren erst aus der Taufe gehoben. Seither häutet sich die Universität Lüneburg.

Der Campus gleicht nicht nur zur Startwoche einem Laboratorium für experimentelles Theater. Der Intendant heißt Sascha Spoun, der Regisseur Holm Keller, die Kulisse stammt von Daniel Libeskind – Lüneburg dient nur als Bühne. Gegeben wird das Stück „Hoch hinaus“.

Die Leuphana ist im Steigflug. Kein Blick zurück. „Imagine 2099“  heißt der Slogan für die Startwoche 2014.

Die Rolle des Piloten ist mit dem Spielleiter Holm Keller besetzt. Wo andere nur vom Ziel träumen, zündet er das erste Triebwerk, auch wenn noch nicht klar ist, ob das zweite funktioniert. Keller findet auch immer eine Erklärung, warum der Kurs sich ändern muss. Er ist ein brillanter Improvisationskünstler und ein Paradebeispiel für die Philosophie des Silicon Valley: trial and error. Eine Herangehensweise, die dem Deutschen noch so unvertraut und für die Zukunft doch so ungeheuer wichtig ist. Scheitern als Phase auf dem Weg zum Erfolg. Auch deswegen fremdelt Lüneburg mit Keller.

Keller ist von einem Uni-Kanzler alten Zuschnitts so viele Lichtjahre entfernt wie die Erde vom Sternbild Orion. Er ist ein Uni-Außenminister, ein Networker, ein Kosmopolit, und das wieder ist auch der klarste und beste Charakterzug dieser gehäuteten Uni. Weltoffenheit und Internationalität haben Vorfahrt.

Durch seine Umtriebigkeit aber ist Kellers Schicksal mit dem der Universität ganz eng verkettet. Heute lässt sich das im Kern mit nur drei Buchstaben fassen: KIC (Knowledge and Innovation Communitiy). Das EU-Wissenstransfer-Projekt KIC, für das der Antrag gestellt ist, für das die Uni die Regie übernommen hat, wäre bei einem Zuschlag ein Paukenschlag auch für Lüneburg, wäre wirklich ,,Hoch hinaus“. Milliarden stünden für ein Konsortium aus Ländern, Unternehmen und Hochschulen bereit, das seine Zentrale in Lüneburg hätte.

Es wäre zugleich, das liegt auf der Hand, ein Auf- und Ausstiegsszenario für den umstrittenen Uni-Vizepräsidenten. Denn KIC verlangt eine mit vielen EU-Millionen gut gepolsterte eigenständige Gesellschaft. Und Keller wäre sicher der KIC-Chef. Er hat das Netz dafür weit über Europa hinaus gespannt: Das weltberühmte Massachusetts Institute of Technology und die Elite-Uni Harvard sind an Bord.

Das klingt erst einmal so futuristisch wie die Idee, Stararchitekt Libeskind in Lüneburg bauen zu lassen. Und es wird sicher genauso abenteuerlich zugehen. Die Dramaturgie folgt dem Prinzip des Filmmoguls Samuel Goldwyn und wohl auch der Maxime der Leuphana: Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern.

Für all das haben Keller und Spoun Lüneburg als Bühne gewählt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. KIC ist auch eine Riesenchance der Hansestadt, für mehr als Salz, Sülfmeister und Treppengiebel gerühmt zu werden.

Ach so, das Risiko? Große Chance, hohes Risiko. Für solche Mammutprojekte mutiert der Campus auch mal zum Casino. Es wird „Alles oder Nichts“ gespielt. Die Kugel rollt. Rien ne va plus.

Hans-Herbert Jenckel