Freitag , 18. September 2020

Der Untergang des Roten Feldes

Lüneburg, 29. Spetember

Fast zwei Jahrzehnte habe ich im Roten Feld gewohnt, mal in einem Baudenkmal (Villa Winter), mal in einer Bausünde (Volgerstraße). Vorher bin ich quer durch die Stadt umgezogen. Aber das Rote Feld habe ich geliebt, und ich kann versichern, dass es kein schöneres Quartier in Lüneburg gibt. Sie können dort getrost auf ihr Auto verzichten: Tiergarten, Kurpark und Innenstadt sind nur einen Katzensprung weit weg.

Aber die einmalige Lage ist in so bauwütiger Zeit zugleich das Verderben des Viertels. Lüneburg ist Zuzugsregion, die Scouts der Investoren schleichen um die Ecken, weil die Lage auch attraktive Gewinnspannen verspricht – zum Schaden des Viertels.

Schindluder ist dort zu allen Zeiten getrieben worden: Herrschaftliche, denkmalgeschützte Villen mit ehemals genauso herrschaftlichen Gärten haben heute nur noch einen schmalen Rasenstreifen hinterm Haus, der von der Proportion eher zu Reihenhäusern auf Handtuch-Grundstücken passt. Über den Rest ist ein Steingeschwür gewachsen – Anbauten mit lauter kleinen Wohnwaben. Es gibt auch Gärten, die komplett von einem Neubau überwuchert wurden, und repräsentative Häuser, die geschleift werden. Das steht gerade wieder an.

Spätestens jetzt droht als Alternative die Lüneburger Allzweckwaffe: die „Stadtvilla“. Die Wortschöpfung ist Camouflage für eine monotone Bauweise, die, weil ihr Ergebnis ja nie tatsächlich eine Villa,  sondern eine Ansammlung von Wohnungen auf mehreren Etagen ist, ein Musterhaus hervorzaubert, das jede Lücke füllt und doch überall so unpassend wirkt. Sie finden “Stadtvillen” in Neubaugebieten präsentiert, manchmal mitten in gewachsene Architektur gequetscht und sicher irgendwann auch ins Rote Feld gepflanzt. Wer dann von Geschmack redet, spricht mit gespaltener Zunge, täuscht Bürger und gehört eher in die Kategorie Geldschneider.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Das ist unter rechtlichen Gesichtspunkten alles sauber, aber unter ästhetischen ein Trauerspiel. Denn Bausünden haben die Eigenschaft, nicht gleich wieder zu verschwinden. Und so kommt unweigerlich der Zeitpunkt, an dem sich der Charakter eines Viertels aufgrund der Summe der Bausünden verwischt und alsbald ganz aufgelöst hat und vom verwehten Charme nur noch in den Annalen zu lesen sein wird: ,,Das Rote Feld war einmal . . .“  

Hans-Herbert Jenckel