Sonntag , 20. September 2020

Lüneburgs Upper-Zeit-Class

Lüneburg, 16. September

Die Zeit spaltet Lüneburg  in eine Drei-Klassen-Gesellschaft.

Sie zermürbt alle, die immer auf’m Sprung sind. Zu dieser Klasse gehören die Werktätigen, die die Zeit nicht totschlagen, sondern ihre Arbeit nur mit Überstunden bewältigen. Und je länger sie in diesem Hamsterrad rennen, das belegen jüngste Studien, desto mehr beschleicht Betroffene das Gefühl:  Die Zeit verdichtet sich immer schneller, so wie Materie in einem galaktischen Schwarzen Loch.

Als Zweites wäre die Bummel-Klasse zu nennen. Das sind zum Beispiel nette Leute vom Land, die für ein paar Stunden aus dem Arbeitsalltag flüchten und sagen: ,,Wi feut hüt nach Lümborg.“ Die haben dann viel Zeit, tratschen im Kaffee, stöbern bei Karstadt und ärgern sich ausgiebig über die horrenden Parkgebühren. Fallen aber kaum auf.

Und dann gibt es die Gattung, die aus der Zeit gefallen ist, die Upper-Zeit-Class. Wie in Trance verharren die Glücklichen in historischen Gassen an einem Fleck, starren himmelwärts, zücken Fotoapparate und Smartphones und stammeln ihr Lüneburg- Mantra: „Wie schön, wie schön, ach, wie schön“. Sie zeigen auf Giebel und intonieren den alten Trio-Hit „Da, da, da“. Touristen. Tausende. Eigentlich willkommen. Wenn da nicht das Stau-Phänomen wäre. Fast wie Demonstranten verstehen sie es, mit unendlich viel Zeit im Nacken die Altstadt zu verstopfen und dem Eiligen die Zeit zu rauben.

Die Busladungen mit Tagestouristen werden direkt vor dem schmucken Rathaus am Marktplatz gelöscht. Vor der  imposanten Barockfassade rufen die Stadtführer zum Rundgang. Die Gruppen sind leicht zu erkennen, weil man als eiliger Lüneburger unweigerlich auf sie stößt. Sie versperren in Kompaniestärke Geh- und Radwege, ja ganze Gassen. Für sie ist die Salzstadt ein begehbares Museum. Und da darf man schließlich auch überall stehen und staunen.

Die Lüneburg-Konquistadoren erkennen Sie auch daran, dass sie tiefenentspannt im Café ihr Smartphone zücken und wie auf einer Kanzel den Lüneburg-Eintrag bei Wikipedia rezitieren: Gründung, Stadt- und Stapelrecht oder Erbfolgekrieg. Wie Sternschnuppen leuchten die Daten kurz auf und verglühen an der nächste Ecke. Der echte Lüneburger, also der, dem die Zeit im Nacken sitzt, ist in der Welt dieser Upper-Zeit-Class nur eine Requisite.

Ich will mich nicht erregen, es ist September, die Saison neigt sich dem Ende zu und damit auch das Stau-Phänomen in der Innenstadt, Zeit für Rilke: „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.“

Hans-Herbert Jenckel