Sonntag , 1. November 2020

Der Lüneburger als wildes Kommentator-Tier

Lüneburg, 9. September

Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt: Daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur.  (Arthur Schopenhauer)

Das wilde Tier brach am Wochenende in Lüneburg los. Da hassen sich zwei Familien mit kurdischen Wurzeln seit Jahren abgrundtief, sagt die Polizei, die aber auch nicht weiß oder sagen will, warum. Und wir wollen für die Betroffenen hoffen, sie wenigstens wissen noch warum. Schließlich prügeln und stechen sie aufeinander ein, lauern sich auf, schießen sich nieder. Und das nicht in irgendeinem verrufenen Gangster-Viertel, sondern direkt an einem geschützten Ort, einem Krankenhaus mitten in Lüneburg, dort, wo selbstverständlich gerade auch den bereits in der Fehde verletzten Familienangehörigen geholfen wird.

Und statt froh über die Hilfe zu sein, ballern sie rum, verschrecken Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern, Patienten und Besucher, sorgen für enorme Polizeipräsenz am Klinikum. Sie schaden den Helfern, sie ramponieren das mit viel Arbeit aufgebaute, gute Image des Lüneburger Klinikums, das so auch zum Opfer wurde.

Lüneburg ist nicht nur auf Rosen gebettet, klar, aber Lüneburg ist eine liebenswerte Stadt. Es gibt wegen der Vorfälle keinen Grund, das Menetekel von einer entgleisten und unkontrollierbaren Parallelgesellschaft zu beschwören. In Lüneburg leben Menschen aus 120 Nationen und aus noch mehr Kulturkreisen. Auch wenn sich darunter manche schwer mit der Integration tun, rücksichtslos über den gesellschaftlichen Kodex setzt sich nur eine Minderheit hinweg, bei der die Kulturdecke besonders dünn gewebt scheint.

Dass es sich um eine schlimme Ausnahme handelt und nicht um die Regel, stört manche Kommentatoren überhaupt nicht. Sie brechen den Stab gleich über alle Ausländer. Es hilft nur die Löschtaste.

Da hat sich offenbar ähnlich viel unerklärlicher Hass aufgestaut und sich mit Vorurteilen gepaart. Von der Feindseligkeit zwischen den beiden Familien scheint sich die Aggression solcher Kommentatoren nur dadurch zu unterscheiden, dass sie sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gleich gegen ganze Bevölkerungsgruppen kehrt. Es sind zwar nur verbale Attacken, bezeichnenderweise meist unter dem Deckmantel der Anonymität verborgen, aber man wird beim Lesen das Gefühl nicht los, das wilde Tier stürmt gleich um die Ecke.

Hans-Herbert Jenckel