Mittwoch , 23. September 2020

Das Pols’sche Paradoxon zum Untergang des Wendlands

Lüneburg, 3. September

Der Lüneburger CDU-Bundestagsabgeordnete Eckhard Pols hat zum Besuch der Umweltministerin Dr. Hendricks diese Woche in Gorleben, sicher in bester Absicht, einen offenen Brief verfasst. Eigentlich möchte er, wenn schon kein Endlager mehr erkundet wird und deswegen Arbeitsplätze verschwinden, das Wendland entschädigt wissen für die Wirren der Atompolitik.

Der Brief gibt den Blick frei auf eine Politikerseele, die nach der Sommerpause erst wieder auf Betriebstemperatur kommen muss.

Pols, dessen Parteifreund und Regierungschef Albrecht den Endlagerstandort Gorleben mit auf die politische Landkarte gesetzt hat, bedauert nun, dass auf dem Rücken der Menschen aus Lüchow-Dannenberg ,,seit mehr als 35 Jahren Entsorgungspolitik ausgetragen wird“.  Er darf dieses Mitgefühl an den Tag legen, den Christdemokraten Pols schützt die Gnade der späten Berufung als Politiker.

Wer aber glaubt, er sei nun froh, dass das Wendland das Stigma Atommüllkippe der Nation für die Ewigkeit abstreift, täuscht sich womöglich. In der Depesche an die Ministerin heißt es: ,,Mir geht es nicht darum, hier ein mögliches Endlager offen zu halten, ich bin weder ein Befürworter noch ein Gegner des Standortes. Ich befürchte aber, dass durch die derzeitigen Pläne sehr viel Know-how verloren gehen wird, die Fachkräfte mit ihren gewonnenen Erkenntnissen abwandern und nicht zuletzt eine Region aufgrund der Symbolik Gorlebens hinten runter fällt.“

Was will Herr Pols damit sagen? Dass der Ruf eh ruiniert ist? Der Niedergang der Region, das schreibt der Abgeordnete an anderer Stelle, sei sowieso nicht aufzuhalten, nur zu verzögern. Zitat: ,,Jetzt lassen wir als Politik ohne Not auch noch einen großen Arbeitgeber in dieser Region sterben und verstärken den Niedergang dieses Landkreises weiter.“  Und weil das Image ramponiert ist, kann man ruhig weiter forschen, um den Untergang des Kreises hinauszuschieben. Frei nach dem Motto: Ein Leben ohne Endlager-Forschung wäre möglich, aber sinnlos.

Also weiter erkunden, ein Endlager-Museum gründen, ein Salzstock-Forschungslabor unter Tage, um Arbeitsplätze zu sichern? Dann würde der Standort wenigstens nicht ganz wie Wackersdorf eine milliardenschwere, sinnlose Episode in den Atommüll-Annalen. Und es wäre ein Signal für die alten Widerstands-Kämpen im Wendland. Manche fühlen sich ohne Endlager-Salzstock ihres Lebenssinns beraubt. Auf Entzug machen sie schon gegen Windräder mobil. Ist Pols ihr Steigbügelhalter für eine Neuauflage light?

Der offene Brief des Abgeordneten muss eher als  Pols’sches Paradoxon durchgehen – nicht dafür, nicht dagegen, sondern konsequent irgendwo daneben.

Hans-Herbert Jenckel