Samstag , 15. August 2020

Grüne Gewächse in der Spaßgesellschaft

 Lüneburg, 1. September

Die Spaßkultur ist wie die Partei der Grünen längst in der Mitte der Gesellschaft verwurzelt. Auch Grüne bedienen sich heute beim Trash. Nur ins Reich der Staatsanwaltschaft ist Jokus noch nicht einmarschiert. Und deswegen beunruhigt eine Hanfpflanze auf dem Balkon eines Öko-Patriarchen auch die Staatsanwälte.

Cem Özdemir bei der Ice Bucket Challenge samt Hanf auf dem Balkon.   Screen: nh/Youtube/Bündnis 90/Die Grünen
Cem Özdemir bei der Ice Bucket Challenge samt Hanf auf dem Balkon. Screen: nh/Youtube/Bündnis 90/Die Grünen

Vor ein paar Jahrzehnten war klar, wenn es eigentümlich süßlich, würzig nach verbranntem Gras oder kokelnder Wellpappe roch, dass ,,Grüner Türke“ oder ,,Schwarzer Afghane“ durchgezogen und die Angst vor der Polizei allgegenwärtig wurde. Das Verhältnis zu Shit hat sich deutlich entspannt. Ein Schnupperkursus an einem Sommerabend im Lüneburger Kurpark reicht als Beweis.

Das Paradebeispiel für den legeren Umgang mit Gras in der Politik ist der Grünen-Chef Cem Özdemir. Er hat sich jetzt auf einem Balkon von der grassierenden Ice Bucket Challenge infizieren lassen, sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf gegossen und ein Video davon bei Youtube veröffentlicht. Doch alle Welt schaut nicht auf den bibbernden Parteiboss, sondern nur auf das betörende Grünzeug auf Özdemirs Balkon – die Pflanzen mit den typischen handförmigen, angesägten Blättern. Hanf!

Das Gewächs habe er  als ,,sanftes politisches Statement“ mit voller Absicht ins Bild genommen, erklärt der Berufsabgeordnete. Selbst im Spaß-Video ein Politikum provoziert, mit „Freiheit für den Balkon-Hanf“ eine Botschaft platziert. Das ist ein Profi. Mag Özdemir im Video auch mit Jackett, blauem Hemd und Kurzhaarschnitt äußerlich so stromlinienförmig aussehen, als stünde er in der Mitte der Gesellschaft. Innen drin hat er tiefgrüne Protest-Wurzeln bewahrt. Oder?

Man mag sich gar nicht vorstellen, dass er womöglich ein Politiker ist, der mit einem Trend-Video kurz Aufmerksamkeit im Netz erhaschen wollte, nicht an den Hanf auf dem Balkon dachte und der seine Unachtsamkeit im Nachhinein als politische Absicht umdeutete. Obwohl die Flucht nach vorne ja von Lüneburg bis Berlin bei Politikern  Programm ist.

Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob sie ermitteln sollte. Im Notfall könnte Özdemir noch beteuern, es sei Eigenanbau für therapeutische Zwecke, also straffrei.

In jedem Fall passt das Faktum, dass eine grüne Video-Petitesse einen Hype im Netz erzeugt, zu einer Gesellschaft, die sich mit der Amüsierdroge narkotisiert.

Hans-Herbert Jenckel