Mittwoch , 23. September 2020

Lüneburg unter Eiszwang

Lüneburg, 26. August

Politisch liegt Lüneburg noch am Boden. Kein Sommertheater, kein Skandal in der Stadtverwaltung, kein Parteiengezänk. Urlaub. Sendepause.

Andernorts im Kreis ist schon mehr los: Adendorf hat die Bürgerinitiative aus dem Neubaugebiet ,,Bei den Eichen“ gegen ein weiteres Baugebiet und für freie Sicht, Melbeck den Protest gegen eine Ortsumgehung, Gellersen gegen die Y-Trasse, die Elbmarsch oder Bardowick gegen Windräder.

Lüneburg quält sich eiskalt mit Spaßprogramm durch die letzten Sommertage, mit der sogenannten Ice Bucket Challenge. Ob Sternekoch, LSK-Manager oder Internet-Chef, alle kübeln sich Eis über den Kopf, schütteln sich, quieken, japsen, machen „Brrrrr“ und posten lustige Videos, die zeigen, wie gut die Challenge Ego und Spieltrieb bedient. Der Zweck heiligt die Mittel für den Eiskübel-Tsunami, Spenden für die Erforschung einer tödlichen Nervenkrankheit  (ALS).

Aber allein die Vorstellung, die Eiskübel-Mania hielte an, gar nicht auszudenken für lustige, aber eher traditionelle Eiswetten wie in Hohnstorf/Elbe. Vermutlich posten die jetzt im Winter auch Videos bei Facebook. Wenn  ,,de Elb steit“, muss der eingeladene Promi an einer kleinen Elb-Eisscholle lutschen, wenn „de Elb geit“, bei plus minus 2 Grad in die Fluten springen und eine Grippe riskieren. Sie sollten Lady Gaga, Eiskübel-erfahren, einladen, deren Name ist schließlich hier Programm.

Zum Glück kommt es nicht so weit angesichts des Hype-Stakkatos im Netz. In Kürze brummt der Politikbetrieb wieder, im Netz boomen dann ,,Color Run“-Videos, da werden Läufer mit Farbe beschmiert. Und der Nachbar haut einen an: „Sach ma, wie hieß das mit diesen Eiskübeln? Und diese andere Nummer, wo alle wie Lemminge sinnfrei ins Wasser springen?“ Einige erröten dann vor Scham.

Ich habe dazu in der Welt einen schönen Satz von Kurt Tucholsky gelesen: „Der Mensch ist ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch ruhe, aber dann ist er tot.“

Hans-Herbert Jenckel