Sonntag , 27. September 2020

..und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, wie es war

Lüneburg, 19.August

Ich heiße St. Florian. Ich weiß, die Welt dreht sich. Nur bitte nicht vor oder hinter meinem Gartenzaun. Mein Nachbar sieht das übrigens auch so.

Ach, gäbe es doch so eine Zusage verbrieft, sie würde jetzt den Frieden auch in Adendorf sichern. Dort hat der Sportverein sich aus der Schuldenfalle befreit, indem er eine Brache und einige Tennisplätze verkauft hat. Eine Sportart, die den Boom seit Bum-Bum-Boris-Zeiten hinter sich gelassen hat. Neuer Eigentümer des Geländes ist der Mann, der schon den angrenzenden Golfplatz und ein Luxushotel im Ort samt Resort aufgezogen hat.  Es liegt der Verdacht ganz nahe, dass der Investor noch ein Filetstück gekauft hat, um weiter Mauersteine einzulochen. Haus für Haus.

Diese Sorge treibt Anwohner um, die in den Neubau-Gebieten am Golf-Areal – zurzeit begehrte Ortsrand-Lage –  eine neue Heimat gefunden haben . Eine Protest-Unterschriftenliste liegt dem Bürgermeister bereits vor. Gerüchte über Kungelei, Ruhestörung und Umweltsünden machen die Runde.

Gut, das Baugebiet der Betroffenen gehört nun nicht zu dem, was man als Alt-Adendorf  bezeichnen könnte.  Der Dorf-Ursprung reduziert sich eigentlich auf eine Kapelle und eine Zeittafel.  Aber  jetzt  gilt es, die Reste des Dorfes und die Natur zu schützen.  Warum kann es nicht so bleiben, wie es ist, wie es war? Das haben ältere Adendorfer schon beklagt, als der schöne Gutspark in lauter Baugruben verwandelt wurde.

Hätte sich der leicht erregbare Homo Furibundus in der Heide eher flächendeckend vermehrt, müssten die Adendorfer dem Park nicht nachweinen. In Lüneburg stünden noch die MTV-Halle am Handwerkerplatz und das alte Badehaus am Kurpark. Ostumgehung und A 250 wären als Wahnsinn im Proteststurm untergegangen. Dafür könnten die Lüneburger in Blechlawinen auf der B4 nach Hamburg fahren oder auf der alten Umgehungsstraße am Lösegraben stehen und stundenlang übers Verkehrschaos räsonieren. Weil das jetzt echt nicht so weitergehen kann.

Viele von denen, die heute gegen Verkehrslärm, Windkrafträder und Neubauten zu Felde ziehen, sind kampferprobt: Vor Jahrzehnten haben die Hartnäckigsten im US-Parka mit Inbrunst  „HoHoHo Chi Minh!“ skandiert, oder über den Marsch durch die Institutionen philosophiert, der dann doch im Rotary Club oder im Vorgarten endete. Und sie haben Hannes Waders Hymne ,,Heute hier, morgen dort“ gesummt – als Ausdruck ihrer Motive. Inzwischen will ihnen die letzte Zeile des Refrains partout nicht mehr einfallen:

  So vergeht Jahr um Jahr, und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war. 

Hans-Herbert Jenckel