Freitag , 30. Oktober 2020

Erst kommt der Gutachter, dann der Supermarkt

Lüneburg, 8. August 

Im Mittelalter hatten Zünfte Gebietsschutz, da konnte nicht jeder nach Gutdünken eine Bude aufstellen und loslegen. So war zum Beispiel die Zahl der Schlachterstände am Lüneburger Schrangenplatz so begrenzt, dass alle ihr Auskommen hatten. Geschichte. Die Hansestadt Lüneburg nun greift seit geraumer Zeit in diese Traditionskiste und präsentiert eine Art „Gebietsschutz light“ für Supermärkte.

Denn Grundlage neuer Märkte ist immer ein Gutachten, ob genügend Nachfrage da ist. Wo immer solche Konsum-Konglomerate entstehen, in denen es nicht nur Wurst, Käse und Gemüse, sondern nebenan auch Chappi und Wiskas, Schuhe zum Dumpingpreis und Bettdecken im Dauerausverkauf gibt, sind als Herolde die bezahlten Gutachter am Werk. Und deswegen sind nicht nur Supermärkte eine sichere Sache, schließlich ist der Bedarf per Expertise belegt, sondern auch das Planen verspricht über Gutachten prima Renditen.

Erst kommt der Gutachter, dann langes Reden in der Politik, dann die bange Frage, ob der Bürger etwa Bedenken anmeldet. Das tut er mit schöner Regelmäßigkeit wie jetzt an der Bleckeder Landstraße. In der Nähe soll ein Einkaufsparadies für Neubürger im Hanse-Viertel entstehen. Hat der Gutachter empfohlen. Zugleich könnten im Dunstkreis des Hanse-Viertels ein Drogist und ein Discounter verlegt werden. Ein bisschen Entzerrung, ein bisschen Expansion halt. Nur die kleinen Geschäfte in der Nähe, die könnte es die Existenz kosten, weil die Publikumsmagneten wegziehen.

Doch trotz aller Studien bestehen da gewisse Unsicherheiten: Lockt so ein neuer Markt plötzlich mit supergeilen Preisen und Waren mehr Kunden als gedacht an und wildert in Nachbar-Revieren? Oder ist er so ausgesucht teuer oder die Bedienung so schlecht, dass man doch lieber einen Kilometer weiter fährt? Lauter Fragen, die schnell aus einem Gutachter einen Kaffeesatzleser und aus einer Studie eine Milchmädchenrechnung machen können.

Unterm Strich bleibt das Lamento über den Niedergang der Tante-Emma-Läden an der Ecke, die doch Stadtteile erst so richtig pittoresk werden lassen. Wo der moderne Bürger zweimal im Jahr einkehrt, den Liter Milch kauft, den er im Supermarkt vergessen hat, danach von der Kaufmannsladen-Romantik schwärmt und davon, dass weniger doch manchmal auch mehr sei. Nur diese Preise, also diese Preise, wenn nur diese Preise nicht wären. Der Bedarf ist da – zweimal im Jahr. Das ist kein Gutachten wert und ernährt den Kaufmann nicht. Und so sieht’s in neuen Stadtvierteln in einer Ecke immer mehr nach einem monotonen, aber lukrativen Gewerbegebiet als nach urbaner Gemütlichkeit aus.

Hans-Herbert Jenckel