Sonntag , 27. September 2020

Der Radweg als Stolperfalle der Lüneburger Verkehrspolitik

Lüneburg, 29. Juli 2014

Es gibt Radwege aus Mineralgemisch oder Beton, aus Verbund- oder Naturstein, aus Bitumen oder Asphalt. Und in Lüneburg natürlich auch aus historischem Kopfsteinpflaster. Das ist bei Regen schön glitschig und rüttelt immer an den Nerven. Es gibt schöne Radwege und hässliche. Und es gibt den Radweg an der Dahlenburger Landstraße stadtauswärts in Höhe des Vogelparks, eine Stolperfalle.

 

Radweg Dahlenburger Landstraße mit Lochfraß.
Radweg Dahlenburger Landstraße mit Lochfraß.

Dieser Radweg, der vermutlich das letzte Mal in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts geflickt wurde, sieht aus, als wäre er von einem Meteoritenschauer getroffen worden. Lauter kleine Krater, die nur auf außerirdischen Einfluss zurückgeführt werden können –  oder aber auf sehr irdische Vernachlässigung. Wer auf dieser Holperpiste stürzt, dem spricht jedes Gericht der Welt Schmerzensgeld zu.

Dieser Radweg spiegelt eine halbherzige Rad-Politik in Lüneburg wider. Es fehlt nicht an gutem Willen, aber leider wird Verkehrspolitik zu oft noch mit der Hand am Autolenkrad betrieben. Radfahren ist auf vielen Wegen noch eine Zumutung , wie an der Dahlenburger. Wären Straßen in dem Zustand, Autofahrer hätten längst die „Asphalt für Lüneburg“-Partei gegründet.

Abgesenkte Bordsteine, Radspuren auf Straßen, Leihräder, Abstellplätze. Alles richtig. Aber mehr als 20 Jahre nach Umsetzung des Verkehrsentwicklungsplans der Stadt, nach ungezählten Fensterreden der Ratspolitiker und Wahlprogrammen der Parteien, die das Rad hochleben lassen – auf dem Papier – doch Stückwerk.

So ist der Radweg an der Dahlenburger Abschreckung, Abenteuer-Meile fürs Survival-Training oder eben Weckruf.

 

Neuer Radweg durchs Lüner Holz. Fotos: jj
Neuer Radweg durchs Lüner Holz.
Fotos: jj

Dass es ganz anders geht, zeigt der Radweg durchs Lüner Holz nach Adendorf. Diese reiche Kommune möchte Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge gerne eingemeinden, um die wachsende Hansestadt Lüneburg durch den Status „Großstadt“ oder zumindest das Privileg „kreisfreie Stadt“ zu adeln. Der Radweg durchs Lüner Holz ist ein Meisterwerk. Er kann nur gedeutet werden als Signal für Adendorfer: ,,Lieber nach Lüneburg“

Tatsächlich genießt auch die Dahlenburger Landstraße bei Lüneburgs General-Radwege-Beauftragtem Michael Thöring höchste Priorität. Er würde am liebsten morgen den Asphalt anrühren. Der Radweg ist förderwürdig, als Klimaschutzprojekt angemeldet. 40 Prozent Zuschuss. Die Frage ist nur, wann Geld fließt. Das aber wieder reicht nur für einen kleinen Laborversuch auf dem schlimmsten Abschnitt dieses Radweges. Egal, was passiert und wie viel guter Wille da ist: Der Ruf als Flickenteppich scheint der Dahlenburger auf  Jahre gesichert. Und nicht nur ihr. An Thöring, lange Einzelkämpfer auf verlorenem Posten, liegt die Halbherzigkeit nicht, sondern an alten Denkmustern in Rat und Verwaltung. Und natürlich ist nie genug Geld da. Das Totschlag-Argument par exellence.

Die Treiber für „Mehr Rad wagen“ sind wie in anderen Uni-Städten auch in Lüneburg die Studenten. Sie sorgen nicht nur für ein gut gebuchtes Leihrad-System, sie schaffen sich wie im Kurpark durch hartnäckiges Missachten von Fahrverboten ihr eigenes Radnetz.

Erst wenn Lüneburgs Rat zum Beispiel die Lüner Straße zum Test  zwischen Stint und Bardowicker Straße komplett zur Radfahrerstraße erklärt, wenn ein innerstädtischer Rad-Stadtring präsentiert wird, der nicht wie an der Schießgrabenstraße notgedrungen aus Umwegen besteht, wurde der Weckruf auch gehört. Dass Lüneburg historisch gewachsen, die Umsetzung an einigen Ecken deswegen schwierig ist, das weiß jeder. Aber ob Göttingen, Münster oder Heidelberg, alles Uni-Städte mit historischem Kern, sie machen es vor. Abkupfern ist in diesem Fall nicht peinlich, sondern erwünscht.

Hans-Herbert Jenckel