Dienstag , 29. September 2020

Verlässt die Lüneburger CDU die Komfortzone?

Lüneburg, 15. Juli

Die Not als Tugend zu kaschieren, diese Maskerade hat in der Lüneburger CDU nach der vermasselten Oberbürgermeisterwahl keine Zukunft. Und die Zeichen stehen gut, dass die Botschaft angekommen ist. Die Union hat einen neuen Fraktionsvorstand gewählt, der OB-Wahlverlierer Eckhard Pols ist nicht wieder als Chef angetreten. Ein richtiger Schritt.

Die Versuche der Jüngeren in der Union, mehr Macht in der Partei zu erlangen, mündeten in der Vergangenheit oft in eine Machtdemonstration alter Seilschaften und enttäuschten Rückzug oder innere Emigration. Susanne Schumacher, Lars Klockmann, da fallen einem einige Namen ein, auch von aktuellen Ratsmitgliedern. Dass die Stadtratsfraktion eine neue Spitze hat, eine moderat verjüngte, ist ein Signal für einen Neustart.

Die Christdemokraten müssen, wollen sie wieder eine größere Rolle spielen, in Stadt und Kreis eine breite Führungsbasis schaffen, die zusammenarbeitet und sich nicht in Kabale versucht. Und sie müssen die Zuspitzung auf eine Lichtgestalt aufgeben, damit hat die Union in Lüneburg keine guten Erfahrungen gesammelt.

Das fing vor einem Vierteljahrhundert mit Bernd Althusmann an, der erst zögerlich, dann aber mit dem Willen zur und dem Gespür für Macht und der Einsicht, dass es in der Partei weit und breit keinen Konkurrenten gibt, zur unangefochtenen Nr. 1 der Lüneburger CDU aufstieg. Gleich, welcher Posten zu vergeben war, die Patentlösung hieß Althusmann. Doch so eine Anhäufung von Macht und Ämtern war selbst für einen so fleißigen Politiker eine Schippe zu viel. Denn Althusmann kümmerte sich nicht nur um Partei und Fraktion in Lüneburg, sondern auch intensiv um seine Karriere im Landtag. Das lange mit großem Erfolg. Weniger Erfolg war schon ihm beschieden, in Lüneburg weitsichtig für eine Nachfolge zu sorgen. Ob es an ihm lag, an der benebelnden Gemütlichkeit in der Komfortzone – Geschichte.

Nicht viel besser ist es der Lüneburger Union mit Eckhard Pols ergangen. Was es an wichtigen Ämtern gibt, wurde bisher fast alles bei Pols abgeladen oder hat Pols an sich gezogen. Alles eine Frage der Interpretation. Das Ergebnis war ein Déjà-vu: Pols Karriere als CDU-Bundestagsabgeordneter läuft, aber Berlin ist weit weg. Die Fraktion in Lüneburg und vor allem die Oberbürgermeister-Kandidaten-Suche litten schwer. Und damit die Partei. Denn das Wahlresultat war schockierend schlecht.

Einige Christdemokraten müssen noch erkennen, dass die Union nicht mehr die zweitstärkste Kraft in Lüneburg ist und dass die Zeit, sich bis zur nächsten Kommunalwahl mit Themen und Personen zu profilieren, knapp, aber eben noch ausreichend ist, wenn man sich aus der Komfortzone bewegt.

Keine Patentlösungen mehr, sich nicht mehr selbstverschuldet in Notlagen bringen – das ist ein guter Anfang. Und eine starke und kreative Union im Rat, also eine starke Opposition, das ist gut für den Rat, und das ist auch gut für Lüneburg.
Hans-Herbert Jenckel