Montag , 19. Oktober 2020

Lüneburgs grüne Hofdiener rebellieren

26. Juni 2014

Die Grünen und die SPD, diese Beziehung hat in Lüneburg  oft manische Züge –  mal Siebter Himmel, mal Hölle. In den 90er-Jahren folgte nach einer Liebeshochzeit eine schmutzige Scheidung.  Die Liebe schlug in Hass um. Diese tiefe Abneigung wurde über Jahre mit Inbrunst gepflegt, vor mancher Wahl kurz durch Minnegesang unterbrochen. Ohne zu verfangen. Meistens zierten sich die Roten, manchmal auch die Grünen.

Profitiert hat von diesem Spiel nur eine Partei, die Grünen.  Ihre Sympathiewerte in Lüneburg schlugen bei Wahlen deutlich nach oben aus. Das Gesicht der Grünen war Andreas Meihsies, der erst seinen Ziehvater Helmut Dammann kaltgestellt hatte und der nach dem Zerwürfnis mit der SPD angetrieben war auch von dem Anspruch, die Sozialdemokraten vorzuführen. Er tanzte  dafür auf dem politischen Parkett erstaunliche Pirouetten.  Und gerade wegen dieser Pirouetten war er für die bodenständigen Sozialdemokraten ein unsicherer Kantonist, nicht koalitionsfähig.

Doch dieser Umstand machte auch bei Wahlen den Unterschied und führte die Grünen zur zweitstärksten Macht im Rat.

Nach den Kommunalwahlen vor fast drei Jahren verführte der Duft der Macht die Grünen zu einer neuen Ehe mit der SPD und zugleich wurde die Frage aufgeworfen: Cui bono? Natürlich der SPD.  Die Grünen wurden handzahm, ja geradezu liebedienerisch, im Rat spielten sie oft genug die Rolle des Claqueurs am Hofe des Oberbürgermeisters. Vergessen und Vergeben waren Anfeindungen, Verwünschungen und Schmähungen.

In der Folge verloren die Grünen Kontur, und genau die wollen sie jetzt zurück. Statt brav im Beiboot der Sozialdemokraten zu rudern, springen sie ein ums andere Mal auf, das Boot schaukelt: Erst wollte Bürgermeister Andreas Meihsies als Kandidat gegen den gerade noch hochgelobten Oberbürgermeister Mädge antreten. Das wurde parteiintern vereitelt.

Jetzt also wollen sich die Grünen im Alleingang bei der Planung fürs alte Postgelände profilieren. Die Soloeinlage der Grünen hat SPD-Oberbürgermeister Mädge jetzt als Tanz im Tal der Ahnungslosen abqualifiziert, die  ,,Planung“ der Ökos als ,,handgemalte Skizzen“. Viel weniger geht nicht. Und nicht vergessen werden darf die Petitesse: Die Grünen waren nicht die Ersten, die opponiert haben gegen die Postgelände-Pläne mit dem Fachmarktzentrum, sondern Umwelt- und Naturschutzverbände mit der alten grünen Galionsfigur Helmut Dammann an der Spitze.

Sind wir wieder an einem Wendepunkt der Beziehung SPD-Grüne? Man führt den Partner öffentlich vor und wird in der Replik als Stümper abgetan?

Im Grunde könnte die Art des Agierens bei den Grünen auch als Versuch gesehen werden, ein Ablenkungsmanöver zu fahren: Aktionismus anstelle des fälligen Generationswechsels. Denn auch die Pirouetten eines Andreas Meihsies wirken nicht mehr so juvenil. Aber wer lässt schon gerne los. Der legendäre große französische Staatsmann Talleyrand wusste es:

Kein Abschied auf der Welt fällt schwerer als der Abschied von der Macht.

Hans-Herbert Jenckel