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Jubel auf der Erasmusbrug: Das Team 239 hat Rotterdam erreicht.

Zum Heulen schön

Unfassbar, diese Szene. Das letzte von gut 330 Teams beim Roparun erreicht das Ziel auf dem Coolsingel in Rotterdam. Alle liegen sich nach einem langen Wochenende mit viel zu viel Sport und viel zu wenig Schlaf in den Armen, Läufer, Radler, Betreuer, Helfer. “You never walk alone” dröhnt aus den Boxen. Und wir vom Team Nordpuls dürfen das alles von der VIP-Tribühne aus verfolgen, aus wenigen Metern Abstand. Ich bin wirklich nicht nah am Wasser gebaut, aber in diesem Moment… Ein wunderschönes Ende eines grandiosen Laufs.

Nee, es gibt definitiv schönere Plätze als das verregnete Delmenhorst nachts um zwei. Bald wird’s wenigstens heller und trockener, doch auf dem letzten Viertel der Wegstrecke laufe ich mitten rein ins erste Tief. Ein paar hundert Meter brauche ich immer, um überhaupt in den Rhythmus zu kommen. Exakt drei Leute feuern mich von der Nacht bis zum Morgen an, zwei Besoffene in Bremen und eine Frühaufsteherin viele Stunden später im Emsland. Unser Kapitän Gerdjan erzählt uns später die Geschichte von einer Begegnung irgendwo in Norddeutschland mit einer Dame, die er sofort in die Schublade “Trinkende Alte” steckte, die ihm dann aber spontan 20 Euro als Spende in die Hand drückte. Toll!

Tief im Emsland hält sich das Interesse am Roparun in Grenzen.

Ich hocke derweil auf engstem Raum mit sechs mir praktisch unbekannten Leuten zusammen. Das Gedudel auf NDR 2, das die anderen offenbar so gern hören, geht mir zunehmend auf die Nerven. Und müssen wir jetzt noch unbedingt alle Tankstellen nach einem Kaffee absuchen, wo wir doch eh bald im Quartier sind? Was mache ich hier überhaupt? Im Vorfeld haben wir Spenden für die Roparun-Stiftung zu Gunsten krebskranker Menschen gesammelt, Lose verkauft – immer mit dem Hinweis darauf, dass wir über Pfingsten nach Rotterdam laufen. Jetzt müssen wir halt liefern. Ich “freue” mich schon gewaltig darauf, um 8.30 Uhr im Vereinsheim des SV Neubörger kurz zu essen (Abendbrot, Frühstück?) und dann drei Stunden in der Umkleide zu schlafen, um dann weiter zu laufen. Dieses Pfingsten, das ahne ich schon jetzt, wird mich an meine Grenzen führen.

Am frühen Nachmittag frühstücken wir in Neubörger, düsen rüber in die Niederlande nach Coevorden und bewundern die Ästhetik des Wechselpunkts irgendwo im Industriegebiet kurz vor der Kläranlage. Aber dann sehr bald: Sonne, schnuckelige Landschaften und sogar ein paar Zuschauer mehr, die uns anfeuern. Wir laufen nun lange durch Drenthe, das Emsland der Niederlande. Viel Landschaft, viele Kühe, wenige Menschen. Glückshormone steigen auf. Das Laufen ist keine Qual mehr, sondern Genuss. Öde wird es nur kurz zwischen Almelo und Zutphen, wo es schon zu den Höhepunkten zählt, wenn ich auf zwei Kilometern eine Kurve und einen Bauernhof am Straßenrand mitnehme. Andere Teams, die wir lange gesehen haben, sind mittlerweile enteilt. Stundenlang sehen wir keine anderen Läufer.

Party in Zutphen. Leider sind fast alle schon zu Hause, als wir den Ort passieren.

Zutphen erreichen wir, wie wir vor Ort erfahren, als viertletztes von den 81 in Hamburg gestarteten Teams. Klar, dass um 1 Uhr nachts nicht eben Menschenmassen darauf warten, dass endlich auch die Deutschen ihr Städtchen passieren. Trotzdem bin ich gerührt. Schon Kilometer vor dem Ort weisen Teelichter uns den Weg. Die Einwohner, die ausgeharrt haben, feiern uns wie Olympiasieger. Sogar die Bürgermeisterin ist noch vor Ort und drückt mir die Hand. Toll. Da ich zufälligerweise direkt vor Zutphen mit Laufen dran war und wir alle zusammen durch den Ort traben, komme ich auf mehr als 50 Kilometer an diesem Tag. So viele wie noch nie. Aber ich fühle mich, als wenn ich gleich bis Rotterdam durchlaufen könnte.

Nach der zweiten viel zu kurzen Nacht fühle ich mich allerdings eher, als wenn ich keine drei Schritte mehr gehen könnte. Die Achillessehnen fühlen sich dick an wie Schiffstaue. Füße und Waden kriege ich dank Dirks Blackroll wieder halbwegs fit, diverse Scheuerstellen schmiere ich mit einer Wundersalbe von Christian großflächig ein. Doch vom ersten Meter an in Buren plagt mich eine ganz neue Schwachstelle: die Leisten. Öfter mal was Neues.

Wir ändern jetzt die Taktik. Ralf und Olli übernehmen auch Laufeinheiten, und wir wechseln jetzt schon nach jeweils einem Kilometer. In Buren waren wir tatsächlich als allerletztes Team angekommen, doch nun biegen wir auf die Überholspur ein. Natürlich kommt es überhaupt nicht auf die Zeit an, aber plötzlich stecken wir uns alle mit sportlichem Ehrgeiz an. Ich bin dran am Team 11 direkt vor mir, die wechseln eine kleine Frau ein – aber die sprintet los wie Usain Bolt und knöpft mir bestimmt eine Minute auf 400 Meter ab. Und wieder die Geschichte: bloß nicht immer dem ersten Eindruck folgen.

Nicht überall in den Niederlanden ist es schön…

Es wird voller und hektischer auf den Straßen, zumal nun eine lange Run-Bike-Run der nächsten folgt. Abschnitte, auf denen uns der Bus nicht begleiten kann, so dass sich nur die Radler und Läufer gegenseitig ablösen können. Gut 26 Kilometer vor Rotterdam laden wir dann alle verfügbaren Räder ab und steigen ein in den großen Endspurt. Ich vergesse mein Handy, finde mein Team-Shirt nicht, sitze plötzlich auf einem Rad, auf dem ich kaum fahren kann. Ach komm, bald bin ich ja im Ziel.

Diese letzten 26 Kilometer aber, die sind einfach atemberaubend. Hier eine kleine Party, dort Zuschauer, die uns anfeuern, mit Getränken und Snoepjes versorgen. Und kurz vorm Ziel liegt eine Klinik auf der linken Seite. Eine Patientin hat es sich nicht nehmen lassen, sich mitsamt Bett rausrollen zu lassen, um uns zu sehen. Wenn ich irgendwann mal vergessen habe, für wen oder was ich hier eigentlich schwitze – jetzt weiß ich es wieder. Alle vier Kilometer bin ich wieder dran. Wo sind eigentlich meine Leistenbeschwerden geblieben? Wo meine Müdigkeit? Alle sind nur noch aufgekratzt. Und es wird richtig voll auf der Straße, nachdem auch die aus Paris gestarteten Teams zu uns gestoßen sind.

Kurz vor der Erasmusbrug wird die Zeit offiziell genommen, danach beginnt das gut einstündige Schaulaufen bis zum Coolsingel. Eine unbeschreibliche Stimmung! Wir werden zugeschüttet mit Applaus, Küsschen und Blumen, investieren die letzten Kräfte in einen ordentlichen Endspurt über gut zehn Meter bis zur Ziellinie und finden uns ein paar Sekunden später dank Gerdjans Beziehungen auf der VIP-Tribüne wieder. Er bittet mich um ein Interview mit der Stiftungsvorsitzenden, wobei ich bis heute nicht weiß, wer eigentlich wen in welcher Sprache interviewen sollte. Egal, nach zwei eiskalten Bier auf der Tribüne und der stimmungsvollen Ankunft der nächsten paar Mannschaften kann ich sowieso kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Manche Teams haben offenbar Wochen in die Choreographie ihrer Zielankunft gesteckt – wundervoll.

Und als ich gerade denke, dass ich jetzt randvoll bin mit Eindrücken, da kommt noch das letzte Team zu seinen Ehren. Zum Heulen schön.

Nun wird’s Zeit für ein Fazit. Nein, für mehrere.

Sportliches Fazit: Es gab einige tote Punkte. Es gab Schmerzen. Und es gab viel zu wenig Schlaf. Trotzdem habe ich es geschafft – und alle anderen auch. Zu was man wirklich fähig ist, erfährt man wohl erst in solchen Grenzsituationen. Um diesen Lauf durchzuhalten, muss man kein toller Marathonläufer sein. Man muss aber beißen können und ein gutes Team um sich haben. Zumindest habe ich jetzt keine Angst mehr davor, dass meine Knochen einen Marathon nicht mehr mitmachen. Gerade Faszienrollen können Wunder bewirken.

Menschliches Fazit: Ein in jeder Hinsicht sinnvoll verbrachtes Wochenende. Wer sich auf einen solchen Lauf einlässt, der muss einen an der Murmel haben. So unterschiedlich die Teammitglieder auch waren – sie einte die Lust auf eine ganz besondere Erfahrung. Bei vielen Mitkämpfern hatte ich den Eindruck, dass die kein dickes Auto haben wollen, keine Karriere um jeden Preis machen wollen, sondern dass sie vor allem etwas erleben möchten. Das vereint. Viel mehr, als dass unterschiedliche Musikgeschmäcker oder Essensgewohnheiten uns trennen können.

Niederlande-Fazit: Ik hou van Nederland! Ich liebe dieses Land, von dem wir so unterschiedliche Provinzen kennengelernt haben. Angefangen beim beschaulichen Drenthe, geendet in der Wahnsinnsstadt Rotterdam, die einen ganz eigenen Charakter hat, inzwischen wohl viel holländischer ist als die Touristen-Hochburg 60 Kilometer weiter nördlich. Ich komme ganz bestimmt wieder. Die Offenheit und Herzlichkeit der Leute wirft einen immer wieder um. Und während bei uns die Herren im mittleren Alter wie bei fast jedem Laufevent klar in der Überzahl waren, wirkten die niederländischen Teams bunter. Viele junge Frauen und Männer laufen, viele ältere Damen finden sich auf den Rädern wieder. Alle wollen irgendwie helfen und dabei sein. Einfach stark. Vielleicht sollten die Oranjes das mit dem Fußball vergessen und sich ganz aufs Laufen konzentrieren?

Für Spenden ist es noch nicht zu spät. Einfach auf unserer Teamseite “Doneer op naam van dit Team” wählen, bei der Bezahlweise “Handmatig overboeken” anklicken – und schon bekommt man eine Mail mit der passenden IBAN-Verbindung. Wir freuen uns immer noch über jeden Euro!