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Locker läuft Simone Ritter dem Ziel in Westergellersen entgegen - und ihrem achten Altersklassen-Erfolg im achten Rennen. Foto: Sawert

Tierisch schnell auch ohne Fleisch und Ei

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Die letzten Berge der Volkslaufsaison. Während einige Männer um sie herum schwächeln, zieht Simone Ritter den Herbstlauf in Westergellersen eisern durch. „Die habe ich noch einigermaßen geschafft“, sagt die 50-jährige Läuferin aus Oldendorf/Luhe bescheiden. Und dass sie über 10,8 Kilometer in 51:03 Minuten wieder schnellste Frau geworden ist, erklärt sie so: „Die Besten war wieder gar nicht am Start.“ Beste in ihrer Alterklasse M50 war sie jedenfalls achtmal bei den acht Rennen des SALAH-Cups. Klar, dass sie damit auch die Gesamtwertung gewonnen hat.

Ein Geheimnis ihres unglaublichen Leistungsschubs steht auf ihrem signalgrünen Trikot: „No Meat Athlete“. Seit vier Jahren lebt Simone Ritter konsequent vegan. Und 2014 entdeckte sie auch ihre Leidenschaft fürs Laufen – allerdings war es keine Liebe auf den ersten Blick. Ein Kollege hatte sie überredet, beim Firmenlauf in Embsen mitzumachen. „Ich hatte nicht einmal Turnschuhe“, erinnert sie sich. „Ich habe beim ersten Versuch keine 500 Meter geschafft. Das machte mir definitiv keinen Spaß.“

Die Oldendorferin arbeitet für einen Wissenschaftsverlag, der auch in der Gemeinde an der Luhe ansässig ist, von dem sie aber lange Zeit nichts gehört hatte. „So kann ich mit dem Rad zur Arbeit“, sagt sie. Der Verlag hat sich auf englischsprachige Sachbücher spezialisiert – sehr praktisch für die Frau, die viele Jahre mit dem Vater ihres Sohns Justin in England lebte. Simone Ritter nennt als Beispiel die Klimaforschung. „Ich bin ja auch ein großer Tierfreund. Und es tut mir in der Seele weh, wenn ich zum Beispiel Delfine sehe, die als Beifang in Fischernetzen verendet sind.“

Doch sie verzichtet nicht nur aus ethischen Gründen auf Fleisch, Milch und Eier. Sie las viel über Ernährung. Prägend war das Werk „The China Study“, in dem Colin und Thomas Campbell zum Verzicht auf tierische Nahrungsmittel rieten, um Zivilisationskrankheiten vorzubeugen. Um Mangelerscheinungen vorzubeugen, „muss man nur vollwertig essen“, betont Simone Ritter. Sie kocht jeden Tag, setzt dabei sehr auf Bohnen, Linsen, Kichererbsen und Nüsse in Kombination mit Vollkornquellen sowie auf die Gemüse der Saison. Allein das Vitamin B12 muss sie extra über Tabellen zuführen.

Vorm gestrigen Lauf aß sie ein paar Datteln: „Die haben mir wohl genügend Kraft für die Berge gegeben.“ Um Brötchen und Kuchen macht sie nach dem Zieleinlauf einen großen Bogen, packt nur eine Banane aus. Groß gekocht wird erst am Abend.

Dass die Lebensqualität unter veganer Ernährung nicht leidet, hat die Oldendorferin mittlerweile längst registriert. Ganz im Gegenteil: „Meine Werte bei den Gesundheitschecks werden immer besser“, sagt sie. Nur Käse vermisst sie schon – und will deshalb demnächst lernen, wie man aus Cashew-Kernen veganen Käse herstellen kann.

Wie fit die Frau ist, die seit ihrer Schulzeit eigentlich nie mehr gelaufen war, bewies sie in den vergangenen vier Jahren hinreichend. Bei ihrem ersten Lauf in Embsen wurde sie in der Frauen-Wertung 142., beim jüngsten Volkslauf in Adendorf lief sie als Erste ins Ziel über zehn Kilometer. Dazwischen absolvierte sie mit 48 Jahren mal eben ihren ersten Marathon. Den Trainingsplan über zwölf Wochen fand sie im Internet, „dann habe ich das einfach gemacht“. In Amsterdam blieb sie im Vorjahr in 3:50:31 klar unter der Vier-Stunden-Marke. Gesteigert hat sie sich dadurch, dass sie in ihre Trainingsläufe regelmäßig Sprints einbaute. Ihr Resümee: „Ich fühle mich viel fitter als mit 30 Jahren.“

Sie startet mittlerweile wie ihre drei vegetarisch lebenden Kollegen unter dem Namen „No Meat Athletes“ – Namensgeber war ein Kochbuch-für die fleischlose Ernährung. Einem Verein oder Lauftreff möchte sie nicht beitreten. Allein schon, um loslaufen zu können, wann immer sie gerade Zeit oder Lust hat.

Auch ihr Sohn Justin, der über fünf Kilometer gestartet ist, macht in Westergellersen einen Bogen um den Hotdog-Stand. „Er mag Würstchen sehr“, sagt die Mutter, „aber die aus Soja mag er inzwischen genauso gern.“ Justin hat sich zwei halbe Brötchen mit Käse gesichert. „Der sieht das nicht so eng mit der veganen Ernährung“, sagt Mama. Sie schon – auch wenn die schnelle Frau nicht als Missionarin für ihre Grundsätze auftritt. Sie lässt lieber Leistung sprechen.

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