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Vital Heynen will mit dem VfB Friedrichshafen erneut den DVV-Pokal gewinnen. Foto: be

Ein respektvolles Gegeneinander

Es gibt das geflügelte Wort „Man sieht sich immer zweimal im Leben“. Diese beiden sehen sich sogar immer mal wieder: Stefan Hübner und Vital Heynen. Und obwohl sie als Charaktere unterschiedlicher kaum sein könnten, haben die beiden Volleyball-Trainer auch schon bestens zusammengearbeitet. Nun aber sind sie Gegner, wenn sich am Sonntag die SVG Lüneburg und der VfB Friedrichshafen im 47. Finale um den DVV-Pokal gegenüberstehen. Ein Spiel, bei dem es ähnlich hoch hergehen könnte wie im Januar am Bodensee, als die SVG nach strammen 147 Minuten überraschend 3:2 in der Bundesliga gewann.

Dieser hoch emotionale Schlagabtausch war auch ein Vergleich, in dem die unterschiedlichen Temperamente beider Trainer sehr gut deutlich wurden. Während Hübner in der Regel sehr analytisch, unaufgeregt, fast schon stoisch ruhig coacht und sich gegenüber den Schiedsrichtern zurückhält, ist Heynen an der Linie das ganze Gegenteil. So freundlich und verbindlich gegenüber Jedermann er abseits der Spiele ist, stets auskunftsbereit und ansprechbar, sogar seine Handy-Nummer an Fans verteilt und sich in der Halle auch mit Kids auf ein paar Ballwechsel einlässt, so sehr wandelt er sich beim Match, wird ein hoch explosiver Vulkan, der sich noch zehn Minuten nach einer strittigen Schiedsrichter-Entscheidung echauffieren kann.

Der 49-Jährige hat schon eine grandiose Trainer-Karriere hingelegt, gekrönt im Herbst 2018 mit dem WM-Titel als Nationalcoach Polens. Was für einen Stellenwert haben da noch Vereinstitel? „Mein Ziel ist immer, das Beste für die Mannschaft zu erreichen, egal mit welcher Mannschaft. Das kann auch die meiner Tochter sein. Es ist einfach sehr angenehm, zu gewinnen“, erwidert er lachend. Und wäre ihm die Meisterschaft oder erneut der Pokal wichtiger? „Schwierige Frage – da gibt es eigentlich keine Rangfolge. Die Fans würden wohl lieber mal wieder die Meisterschaft gewinnen. Ich würde am besten finden: erstmal den Pokal, dann die Meisterschaft.“ 2015 wurde der VfB zuletzt Meister, ein Jahr, bevor Heynen kam. Der holte seitdem zweimal den DVV-Pokal und dreimal den Supercup mit den Häflern.

Erfolgreich war der Belgier davor auch als deutscher Bundestrainer bis Herbst 2016. Lange an seiner Seite: Stefan Hübner. Im Februar 2012 wurde Heynen, in seiner Heimat längst ein erfolgreicher Vereinscoach, vom Deutschen Volleyball-Verband engagiert – und reaktivierte im Vorfeld der Olympischen Spiele in London gleich einmal Hübner. Der heute 43-Jährige hatte da seine Spielerkarriere in Düren gerade wegen ständiger Verletzungsprobleme beendet.

Nach ein paar Länderspielen war aber endgültig Schluss, und Hübner wurde stattdessen einer von Heynens Co-Trainern. Platz fünf im Konzert der Großen war ein erster viel beachteter Erfolg, zwei Jahre später setzte das Trainerduo mit WM-Bronze noch eins drauf – die erste deutsche WM-Medaille seit 44 Jahren.

„Aber wir haben sogar schon gegeneinander gespielt, ich für den SC Charlottenburg, er für Maaseik“, erinnert sich der frühere Weltklasse-Mittelblocker Hübner an Europacup-Duelle gegen den Belgier, der als Top-Zuspieler auf der anderen Seite des Netzes agierte.

Wenn sie sich nun in der Mannheimer SAP Arena wiedersehen, stehen sie sich erstmals als Coaches in einem Match gegenüber, in dem es um einen Titel geht. Hat Heynen seinem ehemaligen Assistenten diesen Erfolgsweg als Trainer zugetraut? „Er steht ja erst am Anfang, da kommt noch viel mehr, er hat ein noch viel größeres Potenzial“, lautet die Antwort. Und wie beurteilt er in diesem Zusammenhang das Projekt SVG Lüneburg? „Es ist schön, dass Stefan in Lüneburg so langfristig arbeiten kann. So ist es Schritt für Schritt nach vorne gegangen. Und nun gehören sie sogar zu einem Kreis von sechs Mannschaften, die in diesem Jahr für die Meisterschaft infrage kommen. Mit der neuen Arena hat es natürlich viel zu lange gedauert, aber sie bringt nun sicher noch einmal neue Impulse.“

Bleibt die Frage, was sich Hübner von Heynen abgeschaut hat? „Ich habe meinen eigenen Weg gefunden, bin aber natürlich durch die gemeinsame Zeit beeinflusst worden. Ich fand es zum Beispiel sehr spannend, welchen ganz anderen Ansatz der Trainingsgestaltung und Spielvorbereitung er hatte – immer kreativ und neue Wege suchend, geprägt von viel Abwechslung und Freude. Das kannte ich so aus meiner Spielerzeit in Italien nicht und hat meinen Horizont unheimlich erweitert.“

Der Kontakt ist nie abgerissen, wenn auch nicht mehr so regelmäßig und eng wie früher, „aber immer offen und ehrlich“, so Hübner. Heynen bedauert: „Ich denke oft – und das betrifft auch viele andere Kontakte – man müsste mal wieder zusammen essen gehen oder so etwas. Mit Stefan habe ich mich immer gut verstanden, das war menschlich ein sehr angenehmes Arbeiten. Aber jetzt sind wir ja oft Gegner.“

Das nächste Mal in vier Tagen. Dann geht es sogar um einen Pokal: Aluminiumguss, dunkelgrau-golden, 8,5 Kilogramm schwer und 61 Zentimeter groß.