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Foto t&w Übungsleiterin Heidi Fleer beim Seniorenturnen

Die Familie aus der Turnhalle

Ganz vorsichtig blättert Heidi Fleer durch das Fotoalbum, in dem sich ihre sportlichen Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten finden. Und sie hat zu jeder Seite eine Geschichte zu erzählen, angefangen mit dem Landesturnfest 1950 in Verden. Es folgen viele, viele weitere Wettkämpfe und Sommerfahrten an die Ostsee oder nach Tirol, Karnevalsfeiern oder Schnappschüsse aus dem normalen Trainingsbetrieb in der Wilhelm-Raabe-Schule. „Bei uns gab es immer erst den Sport, dann kam alles andere. Ich fand das toll“, berichtet die Lüneburgerin, die am vergangenen Donnerstag, 9. Mai, ihren 80. Geburtstag feierte. Exakt 70 davon hat sie im VfL Lüneburg verbracht.

Angelegt hat das Album ihr Vater Edu Ahrens, einer der Gründungsväter des VfL. Der langjährige Geschäftsführer und seine Mitstreiter schufen in schweren Zeiten vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Gemeinschaft, die Jugendliche und Erwachsene magisch anzog. Dutzende Mädchen und Jungen posieren auf den Fotos gemeinsam in Turnhemd und -hose. Wenn der VfL nach Pelzerhaken fuhr, muss offenbar halb Lüneburg mitgereist sein. „Der Verein war wie eine Familie“, erinnert sich Heidegret Fleer, die alle nur Heidi nennen. „Wir übten ständig etwas ein, wir verbrachten die Ferien gemeinsam. Jeder kannte jeden – das gibt es heute leider nicht mehr.“

Sie selbst turnte, tanzte, lief und spielte später Faustball: „Ich bin praktisch in der Turnhalle groß geworden.“ Schon mit 20 Jahren vertrat sie auch ihren Vater als Übungsleiterin. 1964 legte sie ihre Prüfung als Turnlehrerin ab, sieben Jahre später ging sie in den Schuldienst als Sportlehrerin am Gymnasium Oedeme.

„Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt sie mit einem zufriedenen Lächeln. In die Halle zieht es sie immer noch einmal pro Woche – Heidi Fleer leitet mittlerweile seit gut 40 Jahren in Oedeme eine Gruppe, die sich „Fit ab 50“ nennt, sich weiter regelmäßig auch zu Radtouren und Geburtstagsfeiern trifft. Die älteste Mitturnerin wird demnächst 90…

Ein aktives Leben hält körperlich und geistig jung, dafür ist Heidi Fleer der allerbeste Beweis. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann immer noch nahe am Kurpark in dem Haus, in dem einst ihr Vater auch die Geschäftsstelle des VfL eingerichtet hatte. „Er hatte immer tolle Ideen“, berichtet die Tochter stolz. „Anfangs turnten wir nur in der Raabe-Schule. Aber er bot Sport mehr und mehr auch in den Ortsteilen an.“

Und so stieg die Mitgliederzahl der Grün-Weißen rasant von 500 auf 2500. Vielleicht auch, weil Heidi Fleer ebenso wie ihre Schwester und ihr Bruder praktisch alle Klassenkameraden zu den Übungsstunden mitbrachten. Und weil sich ihre Mutter Hilde im Hintergrund um vieles gekümmert hatte, etwa um das Nähen der Vereinsfahnen und Wimpel, die bei allen möglichen Gelegenheiten präsentiert wurden.

Im Fotoalbum findet sich eine Sportwelt, die es so längst nicht mehr gibt. Faustball als populäres Spiel etwa. Turnen im Freien mit Frauen, die an den Ringen spektakuläre Übungen vorführten. Zugfahrten nach Österreich mit den ganzen sperrigen Geräten, die bei jedem Umsteigen wieder hochgewuchtet werden mussten. Tanzvorführungen im Kurpark. Und überall schlanke, durchtrainiert wirkende junge Menschen – die große Fresswelle sollte das erst später in den Fünfzigern ändern.

„Heute ist der VfL keine Familie mehr“, bedauert die Frau, die sich zeitweise auch im VfL-Präsidium engagierte und seit 2002 Ehrenmitglied ist. Doch sie denkt trotzdem nicht daran, im zarten Alter von 80 Jahren eine ruhigere Kugel zu schieben. „Da muss man sich wundern, was manche im Alter noch leisten können“, sagt sie über ihre Turnschwestern. Doch dieser Satz gilt vor allem für sie selbst.

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