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Stets auf Ballhöhe

Waren das noch Zeiten, als man sonntags zum Sportplatz ging – und sich einfach nur ein Fußballspiel anschaute. Mittlerweile traut sich kein Zuschauer mehr aus dem Haus, ohne das Handy einzupacken. Gerade beim LSK-Spiel gegen Kiel II in Neetze erlebt: Links wurde jedes HSV-Tor beklatscht, rechts interessierten besonders die Zwischenstände der Regionalliga-Rivalen Drochtersen und Altona. Und hinter mir war man stets auf Ballhöhe, was den MTV Treubund gegen Rotenburg anging.

Gut, dass die Leute wenigstens hin und wieder auf den Rasen in Neetze schauten und ein bisschen von dem mitreißenden Spiel mitbekamen. Ich muss ja gestehen, dass ich in manchem Stadion bisweilen auch schon E-Mails checkte, wenn das Ballgeschiebe vor meiner Nase allzu langweilig wurde oder mein Lieblingsclub mal wieder 0:4 zurücklag. Ansonsten aber hat das Mobiltelefon 90 Minuten Pause, wenn der Ball rollt.

Das sollte doch auch im Interesse der DFL sein? Von wegen. Die Organisation der Fußball-Bundesliga bejubelt jetzt den „Anpfiff für 5G“. In der Montagspartie des VfL Wolfsburg gegen die TSG Hoffenheim, von der die ganze Fußballszene sicher noch jahrzehntelang schwärmen wird (wie ging sie doch gleich aus?), gab es nämlich eine Weltpremiere. „Ausgewählte Gäste“, jubelt die DFL in einer Pressemitteilung, durften den „Prototypen der neuen Echtzeit-App testen“. Und was bedeutet das, liebe DFL? „In Echtzeit werden die Zuschauer künftig auf einem 5G-fähigen Gerät sehen können, wie schnell beispielsweise ein Stürmer auf das gegnerische Tor zuläuft und wie erfolgreich seine vorherigen Torschüsse waren.“

Wow. Bald brauche ich sicher drei Handys pro Stadionbesuch. Eines, das mir verrät, dass der Stürmer meines Clubs gerade mit einem Tempo von 15,62 km/h dahindackelt und er in dieser Saison bisher 0 von 32 Schüssen erfolgreich im gegnerischen Tor untergebracht hat. Eines, mit dem ich darauf wetten kann, dass mein Club trotz 2:0-Vorsprung noch verlieren wird. Und eines, mit dem ich mich mit Freunden verabreden kann, um das Spiel abends noch einmal in Ruhe im Fernsehen gucken zu dürfen. Frei nach Kabarettist Christoph Sieber: „App, App, App, fertig ist der Depp.“

Echtzeit-App schön und gut, ich schaue mir die Spiele nach wie vor lieber mit einem anderen revolutionären Tool an: live und ungefiltert mit meinen beiden Augen.

Andreas Safft

12 Kommentare

  1. Das sagen Sie mal Ihrem digitalbeseelten Ex-Kollegen Jenckel. Wo es früher hieß, „der Stürmer dribbelt und stellt den Torerfolg Gott anheim“, da glaubt der LZ-Ex-Sportchef wohl: „der Weltverbesserer postet und stellt die CO2-Reduzierung seiner facebook-App anheim“: https://blog-jj.com/2019/09/24/schlechte-nachricht-fuer-deutsche-visionaer-boerries-die-naechsten-zehn-jahre-werden-unbequem/#more-2033

  2. Sehr guter Kommentar meiner Meinung nach. Aber was will mal auch anderes erwarten, wenn jeder Kick bis runter zur 4. Kreisklasse getickert wird? Man ist ja stets über alles auf dem Laufenden, ob man will oder nicht.

    Irgendwie auch nachvollziehbar, dass die Leute sich bei strahlendem Sonnenschein und 30 Grad lieber im Freibad über jedes Tor am Handy informieren, um dann kurz mal ein paar Bahnen zu ziehen. Dasselbe dann im Winter, wenn das Wetter schmuddelig wird und man erst gar keine Lust hat das Haus zu verlassen. Ist ja nicht so schlimm wenn man nicht auf dem Sportplatz ist um „seinen“ Verein mit Anwesenheit und lauthals zu unterstützen. Kamin an und irgendeiner wird schon tickern. Schnell noch einen Gruß rein á la „Los, ihr müsst die Jungs lauter anfeuern, dann geht noch was!“ und die nächste Folge im Serienmarathon angemacht. Wird schon gut gehen. Und wenn nicht, auch egal. Dann habe ich ja sowieso nichts verpasst.

    Die Verbände heucheln ihr Interesse für den Amateurfußball doch auch nur vor. Von wegen „Unsere Amateure, echte Profis.“ Sind es nämlich nicht, es sind Amateure, deswegen werden sie ja auch so genannt. Trotzdem gibt es Strafen von 30-40€ wenn man das Ergebnis nicht kurz nach Spielende eingetragen hat (damit jeder, der nicht da war möglichst schnell informiert ist…) oder wenn man ein Spiel mal verlegen möchte, weil es aus irgendwelchen Gründen halt nicht anders möglich ist. Zack, direkt wieder 30-40€ weg. Für ein paar Knopfdrücke wohlgemerkt. Und auf den Verbandstreffen wird einem von den Staffellleitern sogar noch gesagt, man möge dich bitte unbedingt die Live Ticker Funktion von fussball.de nutzen, damit auch bloß alle sofort Bescheid wissen auf den anderen Plätzen und eben auch zu Hause oder sonstwo. Grad etwas vom Thema abgekommen, wollte ich aber trotzdem mal loswerden.

  3. Herr Safft, ich würde Ihnen die Anschaffung eines 5G-fähigen vierten Handys zur Echtzeit-Moderation der LZsport-Kommentare parallel zum Spielgeschehen dringend empfehlen!

  4. Wozu der Seitenhieb auf den VFL Wolfsburg und die TSG Hoffenheim? Das Spiel ging 1:1 aus, war auch live im Stadion äußerst ansehnlich und in schlechtester 11freunde-Manier so zu sticheln, ist unfair gegenüber jedem Wolfsburger und Hoffenheimer.

    • Weil der VfL Wolfsburg ohne das massive VW-Engagement in der Regionalliga und Hoffenheim ohne Hopp in der Bezirksliga spielen würde und beide Teams (knapp hinter RB Leipzig) exemplarisch für die Art des modernen Fußballs stehen, die ich nicht mag. Der Kicker verpasste dieser Partie übrigens die Spielnote 4, „zeitweise unterhaltsam, über weite Strecken aber verfahren“.

      • Wo würden beispielsweise Leipzig ohne Dietrich Mateschitz, der HSV ohne Klaus-Michael Kühne und Hannover ohne Martin Kind spielen?

        Es gibt in ganz Europa KEINEN Erstligaverein (in keiner Ballspielart), der NICHT in der Bezirksliga landen würde, wenn die Geldgeber, die Oligarchen, die Scheichs, die Unternehmer, die Sponsoren und die Hoppes abspringen würden.

        Das Gerede vom „ehrlichen“, vom nicht durchkommerzialisierten „Spitzensport“ ist nichts als Augenwischerei und sich-selbst-in-die-Tasche-Lügen!

        • Leipzig – keine Widerrede. Das ist für mich kein Fußballverein, sondern ein PR-Produkt eines Brauseherstellers. HSV würde ohne Kühne, dafür mit etwas mehr Sachverstand in der Führungsetage sicher immer noch in der 1. Liga spielen. Und natürlich gibt es keinen Spitzensport ohne Geldgeber. Fragt sich nur, welche Rolle diese Geldgeber im Club spielen.

          Im Übrigen liegen wir gar nicht so weit auseinander. Meine Begeisterung für die Bundesliga und erst recht für die Champions League hat in den vergangenen Jahren stark nachgelassen.

          • Bingo! Geht mir ebenso! Nachlassende Begeisterung ist eine große Gefahr, der sich meines Erachtens auch die SVG mit ihrem Versuch aussetzt, dem überkandidelten VBL-„Masterplan“ zu entsprechen, welcher fordert, „die EVENTISIERUNG der Volleyball Bundesliga auf Vereinsebene zu fördern“ (Masterplan S. 31) und „die Volleyball-Bundesliga als werthaltige Marke Zu festigen“ (ebd. Seite 10), wozu die Lüneburger „Koalition der Vernünftigen“ ja die 100 Millionen Euro-Katastrophe an der Lüner Rennbahn auf den Weg gebracht hat.

            Hier geht’s zum für die Jahre 2017 bis 2021 „fortgeschriebenen „Masterplan“ der „Volleyball Bundesliga GmbH“: https://www.volleyball-bundesliga.de/uploads/bdd2f4c8-57f0-4e5c-8eae-ac1e1f65691b/vbl-masterplan_2017-2021.pdf

      • Ablösesummen:

        1. Neymar (Paris St. Germain): 222 Millionen Euro
        2. Kylian Mbappé (Paris St. Germain): 180 Millionen Euro
        3. Philippe Coutinho (FC Barcelona): 160 Millionen Euro
        4. Ousmane Dembélé (FC Barcelona): 150 Millionen Euro
        5. Eden Hazard (Real Madrid): 145 Millionen
        6. Joao Félix (Atlético Madrid): 127 Millionen Euro
        7. Cristiano Ronaldo (Juventus Turin): 117 Millionen Euro
        8. Paul Pogba (Manchester United): 110 Millionen Euro
        9. Gareth Bale (Real Madrid): 101 Millionen Euro
        10. Romelu Lukaku (Manchester United): 100 Millionen Euro

        Quelle: Hamburger Morgenpost, 10. Juli 2019

  5. Hallo sportred,

    bekanntlich will Gianni Infantino die Zahl der teilnehmenden Teams bis zur Endrunde der 23. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer (offiziell „2026 FIFA World Cup“) in Mexiko und den USA auf 8 Milliarden erhöhen, damit jeder Erdenbürger dort mit seiner eigenen Nationalmannschaft („Make me great and important again!“) vertreten ist. Wie bitteschön soll der normale Lüneburger Kick-Connaisseur mit einem solchen Sportangebot während seines vierwöchigen Sofa-Urlaubs klarkommen, ohne Höchtleistungssmartphones und personalisierte Navigations- und Vorsortier-Apps zum Schnellfeuerdauereinsatz zu bringen? Alleine das fehlerreduzierte Management der Torschützenlisten und das sorgfältige Befüllen der digitalen Panini-Alben motiviert mich schon heute zur informationstechnologischen Aufrüstung meines Magenta SmartHomes inklusive, Sky-Paket, multifunktionalen Entertain-Konsolen und traumhaften Cloud Streaming-Raten!

    Was ist falsch daran, wenn ich info-mäßig immer ganz vorne mit dabei sein will?

    Und du mit deinem revolutionären Tool: live und ungefiltert mit deinen beiden Augen? Wie weit würdest du damit kommen?

    Schreib mir das mal!

  6. Wenn wir schon einmal dabei sind:

    27.06.2019 – Die DFL Deutsche Fußball Liga bündelt ihre Digital-Innovationen an zentraler Stelle unter Führung von Andreas Heyden als „Executive Vice President Digital Innovation DFL Group“. Der 45-Jährige übernimmt die Aufgabe ab 1. Juli 2019 neben seiner bisherigen Tätigkeit als Geschäftsführer der DFL-Tochter DFL Digital Sports und berichtet direkt an DFL-Geschäftsführer Christian Seifert.
    Umfasst sind dabei unter anderem die strategische Ausrichtung der Technologie-Schau „SportsInnovation“ in Partnerschaft mit der Messe Düsseldorf, relevante Beteiligungen innerhalb des Finanzbeteiligungsprogramms „DFL for Equity“ sowie die inhaltliche Weiterentwicklung des eSport-Wettbewerbs „Virtual Bundesliga“. Die DFL plant darüber hinaus, weitere Innovations- und Digitalisierungsfelder sowie Wertschöpfungspotenzial kontinuierlich zu erschließen, zum Beispiel in Bezug auf Medienproduktion und virtuelle Inhalte.
    Siehe: https://www.dfl.de/de/aktuelles/dfl-buendelt-digital-innovationen-andreas-heyden-uebernimmt-als-executive-vice-president-digital-innovation-dfl-group-zusaetzliche-aufgaben/

    Nicht nur, dass der DFB kein Problem damit hat, gegen fette Enlohnung für Suchtmittel wie Süßwaren (Nutella, Coca Cola) und Alkoholika (Bier, Sekt, Wodka) zu werben, – nein -, die „Deutsche Fußball Liga“ hat auch kein Problem damit die Frage aller bewegungsabstinenten und übergewichtgefährdeten Couch-Potatoes, ob E-Gaming wirklich Sport sein soll mit „Ja!“ zu beantworten. Denn in der „Weiterentwicklung des eSport-Wettbewerbs ‚Virtual Bundesliga'“ und in der „kontinuierlichen Erschließung weiterer Innovations- und Digitalisierungsfelder mit Wertschöpfungspotenzial in Bezug auf Medienproduktion und virtuelle Inhalte“ stecken schließlich Milliardengewinne! Was kümmert die Herren der „Digital Innovation DFL Group“ da die Gesundheit bzw. die alptraumhaften Cholesterin- und Blutdruckwerte der Heerscharen von jungen Menschen, die sie vom Sport abhalten, indem sie ihnen einreden, das herumliegende, teuer bezahlte Smartphone-Daddeln sei eine Version körperlicher Ertüchtigung – wenn auch nur „virtuell“ eben?

  7. Hansa-Dribblanski

    Auch ein guter, sachlicher und mutiger Artikel und ein nüchtern argumentierender Kommentar darunter:

    https://www.landeszeitung.de/blog/aktuelles/2634357-rechtsaussen-im-abseits

    Meine Hochachtung, Herr Safft!

    Ich höre schon das Sippenhaftgehechel und die üblichen Opfer-Phrasen der obskurantistischen Neo-Primitivisten auf Sie zufluten. Etwa in dieser Diktion: „Politische Aktivitäten im nationalen Bereich werden vom heute herrschenden System kriminalisiert (…). Ich persönlich habe mir nichts vorzuwerfen und subjektive Angriffe von den Massenmedien bin ich und sind wir gewohnt.“ (https://www.cellesche-zeitung.de/Celle/Aus-der-Stadt/Celle-Stadt/NPD-schickt-vorbestraften-Direktkandidaten-ins-Rennen)