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Die Lüneburger Sportlerehrung wurde abgesagt. Foto: t&w

Sport ist Luxus

Zugegeben, auch ich wäre gern zur Sportlergala gegangen, hatte mich für den Schiffshebewerk-Volkslauf in Scharnebeck angemeldet – ein letzter Test vor meinem Marathon Anfang April, der inzwischen auch abgesagt wurde. Alles wegen Corona. Alles nur Panikmache?

Es geht nicht um mich oder um dich. Es geht um uns alle. Darum, dass wir nicht italienische Verhältnisse erleben. Darum, dass nicht Hunderttausende auf einmal krank werden oder sich krank fühlen und unser Gesundheitssystem so praktisch lahm legen. Vielleicht redet in sechs Wochen niemand mehr von Corona, vielleicht wird uns das Virus noch viele Jahre beschäftigen.

Vielleicht ist das Virus tödlicher als die reguläre Grippe, vielleicht für die allermeisten Menschen harmlos wie ein Schnupfen. Wer weiß das schon? Nicht einmal die Experten, die ihre Weisheiten seit Wochen gebetsmühlenartig wiederholen.

Und trotzdem sollte das normale Leben weitergehen. Arbeit, wenn angesagt, auch mal von zu Hause, Ausbildung, Schule – alles ist wichtiger als eine Gala oder ein Lauf, wichtiger selbst als ein Fußballspiel, auch wenn da viele Fans energisch widersprechen werden. Wenn wir uns alle zitternd unter der Bettdecke verstecken, bricht das öffentliche Leben zusammen.

Man kann sich auch auf der Bahnfahrt zum Job oder in der Schule anstecken. Doch mit jedem vermeidbaren Kontakt – zum Beispiel bei Sportveranstaltungen oder Festen – wächst die Gefahr einer Ansteckung. Man kann nicht alle Infizierungen verhindern, aber die Wahrscheinlichkeit verringern. Darum sollte es uns allen gehen.

Was muss an Kontakten sein, was ist Luxus? Das ist ein Prozess des ständigen Abwägens, den uns Landes- und Kreisbehörden nicht immer abnehmen können. Egoismus ist da nicht angesagt. Kein: Ich habe mich so aufs Fest gefreut. Und kein: Ich habe doch so hart trainiert. Ich tröste mich erst einmal damit, dass das Gesündeste am Marathon eh die Vorbereitung ist.

Andreas Safft

8 Kommentare

  1. Sind eigentlich Ehebetten noch erlaubt? Oder darf in Lüneburgs Sportwelt ab jetzt endlich wieder getrennt geschnarcht werden, ohne größeres Bohei von der besseren Hälfte befürchten zu müssen?

    Ich werde nachher mal versuchen, damit zu trösten, dass das Gesündeste am Marathon eh die Vorbereitung ist.

    • Erstmal die Entscheidung aus Unterfranken abwarten, wie sich das dortige Gesundheitsamt aufstellt und ob es Partien mit oder ohne Zuschauer zulässt.

      Tipp: Die EBL (Ehebettenliga) wird die Hauptrunde zuende spielen lassen. Die PlayOffs fallen dieses Jahr aus.

  2. Berni Schlotterhose

    Schlafzimmerwitze sind natürlich nie fehl am Platz. Aber vorgesorgt werden muss tatsächlich vor allem zuhause.

    In dieser Krise ist eben nicht nur der Staat gefordert. Jeder Bürger kann und sollte durch umsichtiges und besonnenes Verhalten dazu beitragen, dass dieses Virus so schnell wie möglich den Schrecken verliert, den es selbst schon dort verbreitet, wo es noch gar nicht angekommen ist.

    Klar ist, wie Andreas Safft schreibt, was das Hauptziel im Kampf gegen diesen hochansteckenden Erreger sein muss: die Verringerung der Geschwindigkeit, mit der er sich ausbreitet. Je niedriger diese ist, desto besser kann sich das deutsche Gesundheitssystem auf diesen ungeplanten Stresstest vorbereiten.

  3. „In Panik werden Menschen gefährlicher als die Krankheit selbst“

    Epidemien und Pandemien verunsichern und sorgen seit jeher schnell für Panik in der Gesellschaft. Warum, hat Professor Malte Thießen untersucht.

    Von Katrin Schmermund

    Forschung & Lehre: In Deutschland mehren sich die Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus „SARS-CoV-2“. Obwohl die offiziellen Fallzahlen noch deutlich unter denen in Italien oder China liegen, steigt die Unruhe in der Bevölkerung: „Hamsterkäufe“ in Supermärkten nehmen zu, eine hustende Person treffen die verunsicherten bis bösen Blicke der Umstehenden. Sie haben über viele Jahre die Angst der Menschen vor Seuchen untersucht – worin begründet sich diese?

    Prof. Dr. Malte Thießen: Seuchen sind die sozialsten aller Krankheiten. Sie schüren Ängste, weil sie übertragbar sind und alle treffen können. Dadurch können sie soziale Spannungen in Gesellschaften verschärfen oder auch entfachen. Bei der aktuellen Verbreitung der Lungenkrankheit „Covid 19“ kommt hinzu, dass das Virus neu ist. Alles Unbekannte verunsichert. Obwohl die Grippe – wie vielfach berichtet – viel höhere Todeszahlen verzeichnet, ist das neue Coronavirus das größere Thema, weil es uns herausfordert und wir es einordnen wollen. Hinzu kommt, dass Infektionskrankheiten für moderne Gesellschaften kaum vorstellbar geworden sind. Spätestens seit den 70er Jahren glauben wir, uns gegen alle Viruserkrankungen schützen zu können. Die Ausbreitung eines Virus wie „SARS-CoV-2“ wirft unser Bild von einer modernen Gesellschaft und deren Planbarkeit über den Haufen.

    F&L: Welche Folgen hat das?

    Malte Thießen: Moderne Sozialstaaten sind herausgefordert Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, weil sie ihrer Bevölkerung ein gutes und gesundes Leben versprechen. Historisch ist das damit zu erklären, dass der Glaube an das Gottgegebene schwindet und die Menschen den Staat stärker in die Verantwortung nehmen. Gerade in der Gesundheit stehen Staaten in einem starken internationalen Wettbewerb. Eine „gesündere Gesellschaft“ wird zu einer „besseren Gesellschaft“. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) – eine wichtige Institution, um den Umgang mit Infektionskrankheiten weltweit zu koordinieren – verstärkt diesen Effekt absurderweise, denn sie macht eine Vergleichbarkeit von Gesundheitszuständen ganz einfach möglich. Das führt zu kontraproduktiven Reaktionen von Politikerinnen und Politikern.

    F&L: Bitte nennen Sie ein Beispiel für eine in Ihren Augen kontraproduktive Reaktion.

    Malte Thießen: Ich halte es zum Beispiel nicht für zielführend „von oben“ zu beschließen, Grenzen dichtzumachen und ganze soziale Gruppen in Quarantäne zu stellen. Zwar scheint eine räumliche „Verortung“ eine Gefahr zunächst sichtbar und ihre Bekämpfung planbar zu machen. In einer globalisierten Welt ist das jedoch Unsinn. Eine Ausbreitung kann so nicht verhindert werden. Vielmehr schüren solche Anordnungen Ängste und rufen irrationales Verhalten hervor, zum Beispiel, dass Menschen sofort ins Krankenhaus rennen, anstatt von zu Hause bei Ärzten anzurufen, wodurch sie sich selbst oder auch andere im Zweifel erst anstecken. In Panik werden Menschen gefährlicher als die Krankheit selbst.

    F&L: Wie sollten Politikerinnen und Politiker reagieren?

    Malte Thießen: Staaten sind darauf angewiesen, dass die Bevölkerung mitmacht. Dafür ist wichtig, starke Appelle zu senden, dass Bürgerinnen und Bürger selbst Einfluss auf die Entwicklungen nehmen können, indem sie ihre Hände regelmäßig und gründlich waschen oder Abstand von sichtlich erkrankten Personen nehmen. Ein solches Vorgehen zeigt nach außen hin vielleicht keinen starken Staat, aber eine starke Gesellschaft und das ist im Ergebnis zielführender. Wird eine Anordnung, etwa zur Quarantäne, wie in China dagegen verpflichtend vorgegeben – und das nach meinem Eindruck zu spät und ohne gleichzeitig über Präventionsmaßnahmen zu informieren –, haben Menschen schnell Angst, ausgegrenzt zu werden, wenn sie das Gefühl haben infiziert zu sein, und melden sich im Zweifel nicht. Sind Betroffene dagegen aufgeklärt und nicht in Panik, begeben sie sich selbst in Quarantäne, wie es einige zum Beispiel im Kreis Heinsberg gemacht haben.

    F&L: Mit der Globalisierung steigt die Wahrscheinlichkeit einer schnellen Verbreitung eines Virus. Gleichzeitig bietet eine vernetzte Welt die Chance, sich schnell über die Ausbreitung einer Erkrankung austauschen und gemeinsam an Gegenmitteln forschen zu können. Was meinen Sie: Überwiegt eher der Vorteil oder der Nachteil?

    Malte Thießen: Das ist schwer zu sagen. Eine globale Kommunikation ist erst einmal sicher positiv. Zwar hat es auch im 19. Jahrhundert internationale Sanitätshäuser gegeben und eine weltweit koordiniere Infektionsabwehr. Die Nachrichten haben aber länger gebraucht, sich zu verbreiten als die Krankheiten. Heute läuft das in Echtzeit, was ein enormer Vorteil für die Verbreitung von Wissen und Testreihen ist. Der Nachteil ist, dass digital Falschmeldungen und Panikmache in einem viel größeren Ausmaß als früher auf die Menschen einströmen. In freien Gesellschaften hat niemand ein Informationsmonopol – was gut ist –, aber es hat eben auch eine Schattenseite, die sich darin zeigt, dass das Robert Koch-Institut der Art der Kommunikation einer Krankheit teils eine größere Gefahr zuschreibt als der Krankheit selbst.

    F&L: Wie sollten Medien Ihrer Meinung nach über Infektionen wie das neue Coronavirus berichten?

    Malte Thießen: Medien sollten nichts verschweigen, aber dabei nüchtern berichten und Informationen einordnen. Sie sollten transparent machen, was sie wissen und was sie nicht wissen. Insgesamt finde ich, dass das aktuell in Deutschland insgesamt gut läuft. Einzelne Titel wie „Made in China“ des „Spiegels“ vor wenigen Wochen sind dagegen kontraproduktiv und befördern Stereotype gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen, was zu rassistischen Reaktionen führen kann. Ich finde es bedauerlich, dass etwa die Migration von Menschen schnell skeptisch beobachtet wird, während etwa die Effekte des Tourismus, über den Infektionen viel leichter übertragen werden können, ausgeblendet werden. Wir tendieren dazu, Sündenböcke zu suchen, um unseren eigenen Lebensstil nicht hinterfragen oder eingrenzen zu müssen.

    F&L: Gerade Jüngere erhalten ihre Informationen immer stärker über soziale Netzwerke. Woher Informationen stammen, ordnen viele zu wenig ein. Langrfristig ist eine bessere Medienkompetenz gefragt. Was hilft kurzfristig?

    Malte Thießen: Soziale Medien können eine wichtige und schnelle Informationsquelle sein, gleichzeitig sind sie ein digitaler Verstärker, sobald Panik entsteht. Eine Person postet das Bild eines leeren Supermarktregals, ein paar andere schreiben, sie hätten dasselbe gesehen und so geht es immer weiter bis die Nachricht „nur noch leere Supermärkte“ überall im Netz präsent ist. Neu ist dieses Phänomen nicht: Gerüchte hat es schon immer gegeben. Gerade in Ausnahmesituationen können sie ihre Strahlkraft entfalten, die schwer einzudämmen ist. Wir haben heute gewissermaßen einen Vorteil, weil wir durch die digitale Öffentlichkeit die Chance haben, dagegen zu halten, Gerüchte richtigzustellen, auf seriöse Informationsquellen zu verweisen. Wir sind alle gefragt, uns einzubringen. Bei alledem sollten wir nicht vergessen, dass wir zum Beispiel in Deutschland mit unserem Gesundheitssystem gut aufgestellt sind, mit einer Viruserkrankung wie „Covid 19“ umzugehen.

    Quelle: Forschung&Lehre, 6. März 2020

    URL: https://www.forschung-und-lehre.de/zeitfragen/in-panik-werden-menschen-gefaehrlicher-als-die-krankheit-selbst-2586/

  4. Das Virus hat uns Lüneburger fest im Würgegriff, ein Landkreis in Quarantäne: Während der Dax inzwischen unter 9000 Punkte rutscht (was immer noch eine sehr hohe Zahl ist, wie Arne Dedert heute gelassen kommentierte: https://www.landeszeitung.de/blog/nachrichten/wirtschaft-nachrichten/2706712-dax-startet-deutlich-im-plus), hat eine Zukunftstechnologie Hochkonjunktur: der öffentlich-rechtliche Corona-Podcast mit männlichem Experten! In den letzten Wochen sind mindestens drei solcher Formate an den Start gegangen, und die Frage ist nicht, ob es noch mehr werden, sondern wann. Und ich hab sie mir für Euch angehört!

    „Coronavirus – Doc Esser klärt auf“ (WDR: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr/corona-podcast/index.html) war eines der ersten öffentlich-rechtlichen Corona-Audioangebote am Markt. Doc Esser, bürgerlich Heinz-Wilhelm Esser, Fans auch bekannt unter seinem Alias „Heiwi“, ist joviale Frohnatur, Lungenfacharzt und tätowierter Rockmusiker. Augenscheinlich ist „Doc Esser klärt auf“ in der WDR-Verbraucherredaktion angesiedelt, bei den Episodentiteln wird niedrigschwellig gearbeitet: „Heiwi, was kommt denn jetzt noch auf uns zu?“ (14.03.2020: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr/corona-podcast/audio-heiwi-was-kommt-denn-jetzt-noch-auf-uns-zu-100.html). Esser ist – im Gegensatz zu seinen direkten Mitbewerbern Drosten und Kekulé – offenbar nicht beratend für den Bund oder NRW tätig. Bedeutet aber auch inhaltliche Beinfreiheit, im Podcast selber herrscht eigentlich immer gute Stimmung. Interpretiert den Medizinexperten entlang der Schnittstelle von Fachmann und rheinischem Jung mit dem Herz am rechten Fleck („Müssen gucken, dass wir das Ding gewuppt bekommen!“). Auch dafür gibt es einen Markt. Fazit: Schöner Einsteiger-Podcast zum Thema.

    „Coronavirus-Update mit Christian Drosten“ (NDR: https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html) ist ohne Zweifel das „Fest und Flauschig“ der Viren-Podcasts: Branchenprimus, Benchmark-Angebot, Konsens-Format. Anja Martini, NDR-Wissenschaftsredakteurin, und Prof. Dr. Christian Heinrich Maria Drosten bearbeiten das Thema auf so einem hohen und gleichzeitig verständlichen Niveau, dass dieser Podcast für viele Menschen in diesem Land inzwischen längst zur Daily-Quarantäne-Routine gehört. Ein kleiner RSS-Anker in einer Welt aus den Fugen. Um den Professor hat sich inzwischen ein regelrechter Kult entwickelt, ausufernde Liebesbekundungen an das Genie in Weiß machen im Internet seit Wochen die Runde. Liegt auch daran, dass Drosten bei allem Elfenbeinturm immer nah am Menschen bleibt und sich im Podcast auch mal mit Flaschenbier und Fassbier aus virologischer Perspektive beschäftigt oder seine Wochenendpläne („Studien durcharbeiten, spazieren“) mit uns Hörern teilt. Dem Mitentdecker des SARS-assoziierten Coronavirus dürften (wenn „das hier mal alles vorbei ist“) karrieretechnisch alle Türen offen stehen: Vom ARD-Vorabendquizmaster bis zum UN-Generalsekretär ist wenig undenkbar.

    Gestern verkündete der Mitteldeutsche Rundfunk dann den Transferhammer der Woche – für „Kekulés Corona-Kompass“ (MDR: https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/kekule-corona/kompass-104.html) hat man sich in Leipzig die Dienste des zweitwichtigsten Virologen des Landes sichern können: Dr. Alexander S. Kekulé. Was für viele Außenstehende überraschend über die Timeline vibrierte, war für uns Insider im Grunde nur eine Frage der Zeit: Seit Wochen schon schießt Kekulé mal mehr und mal weniger deutlich gegen das Robert Koch-Institut, Gesundheitsminister Jens Spahn und seinen Intimfeind Drosten, in so gut wie jedem öffentlichen Auftritt zitiert Kekulé seine eigenen Empfehlungen von vor ein paar Wochen. Tenor: Ich hab’s euch doch gesagt. Ein Mann hat Redebedarf, der Hype um den Professor mit der sanften Stimme und den Wuschelhaaren macht ihm ganz offensichtlich zu schaffen. Marketingtechnisch ist die Kooperation zwischen MDR und Kekulé ein Match auf Augenhöhe. Gegen die Wohlfühlkonkurrenz wird schon gleich in der ersten Folge nicht lang drumherum geredet, Titel: „Risikogruppen sollen Vorräte anlegen“. Auch Sparringspartner Camillo Schumann (MDR aktuell) setzt mit seiner ersten Frage den Ton für die Veranstaltung: „Herr Kekulé, sind das noch medizinisch notwendige oder nur noch politisch kopflose Entscheidungen?“ Antwort Kekulé: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Auch für Kekulé ist prognostisch alles drin: Von der Gründung einer Professorenpartei bis zur nächsten Causa Uwe Steimle scheint derzeit alles möglich. Fazit: Schöner Podcast für alle, die keine Infos, sondern Anweisungen brauchen.

    Spannend bleibt, wann sich die erste Rundfunkanstalt an einen Corona-Podcast mit weiblicher Protagonistin traut. Aber vielleicht sind die Viren-Expertinnen gerade (wie zum Beispiel Marylyn Addo: https://www.dzif.de/de/marylyn-addo) auch einfach mit wichtigeren Dingen beschäftigt, als jeden Tag neue Einschätzungen in ein Mikrofon zu sprechen – oder um es mit Kurt Prödel zu sagen: „Shout out an alle Personen, die wirklich in der Wissenschaft arbeiten & den Impfstoff anrühren, statt nur Podcasts darüber zu machen.“

    Bleibt zu Hause & gesund!

    Euer Werner

    • Wir Patienten

      Wir wissen, was zu tun ist. Es kann jetzt keinen und keine mehr geben, der es nicht gehört, nicht gesehen, nicht gelesen hat, dem es nicht gesagt worden ist, immer wieder: Wascht euch die Hände, aber gründlich. Haltet Abstand, am besten zwei Meter. Bleibt daheim, ladet niemanden ein. Und wenn ihr einkaufen geht, kauft so ein, dass auch den anderen noch etwas bleibt.

      Wir wissen, was wir zu tun haben. Und doch sickert es erst langsam ins Bewusstsein: Wir sind krank. Hoffentlich nicht Sie oder ich persönlich, aber wir alle sind es. Und so müssen wir uns jetzt verhalten.

      Wenn „wir“ gesagt oder geschrieben wird, dann sind selten alle gemeint. „Wir“ meint eine Gruppe, die andere ausschließt: „Mia san mia“, sagt der Bayer, und das bedeutet: Ihr seid es nicht. „Wir“ meint eine Gruppe, zu der gerne gehören würde, wer „wir“ sagt: Wir sind Weltmeister, wir sind Papst, dabei waren das nur wenige oder nur einer, und der auch nur kurz. Und „Wir“ meint gerne eine Gruppe, die gefälligst etwas tun sollte, was der „Wir“-Sager will: Wir müssen für unsere Altersvorsorge mehr Geld in Aktien anlegen, spricht der Blackrock-Lobbyist, und meint doch nur: Kauft bei mir Aktien.

      Diesmal jedoch bedeutet „Wir“ tatsächlich: Wir alle. Und alle, das sind diesmal nicht nur alle Deutschen, alle Arbeitnehmer oder Arbeitslosen oder Rentner, alle Rechten oder Linken, alle Alten oder Jungen, alle Frauen oder Männer oder Diverse. Wir, das sind diesmal und jetzt und bis auf Weiteres: alle Menschen.

      Wir Menschen hatten einen Unfall. Es ist uns etwas zugestoßen. Die Natur hat mit den Fingern geschnippt, ein Virus ist mutiert, es verbreitet sich. Es ist gefährlich. Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher, unser bisheriges Leben ist erst einmal vorbei. Wir wissen es vielleicht noch nicht, aber langsam dämmert es: Wir leben ab jetzt als Patienten. Die Welt ist ein Krankenhaus.

      Die Kanzlerin hat lange geschwiegen, jetzt spricht sie täglich zu uns. Immer neue Maßnahmen hat sie zu verkünden, Einschränkungen des Alltags und der Freiheit, aber sie spricht nicht mehr als Politikerin zu uns. Es geht nicht mehr um Interessen von Interessengruppen, nicht mehr um Parteien, Koalitionen, Meinungen oder Einstellungen oder Ideologien. Politik, wie wir sie kannten, findet nicht mehr statt. Die politische Regierung ist zur Apotheke geworden: Sie verteilt die Mittel, die der Arzt verschrieben hat.

      Es regieren uns jetzt andere, neue Autoritäten, deren Namen wir erst lernen mussten: Drosten heißen sie in Deutschland, Kekulé oder Addo, sie sagen uns, was wir tun sollen, worauf wir achten müssen. Sie und alle ihre Kolleginnen und Kollegen tun, was sie können. Wir können ihnen nur vertrauen und auf sie hören.

      Quelle: Der Spiegel, 17. März 2020

      URL: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/coronavirus-wir-patienten-kommentar-a-4b419397-90de-423b-ba37-a6bf4d7c2cec

  5. Klasse, das neue „Wir“! Nachbarschaft, das galt in Lüneburg doch lange Zeit bloß als seelenloses Aneinandervorbeileben. Insbesondere in vielstöckigen Mietshäusern und urbanen Molochs wie Ochtmissen oder Heiligenthal regierte die Anonymität. Einziger Sozialkontakt waren sadistische Aushänge an Schwarzen Brettern („Könnte lauter werden“, „Wer hat in den Flur gekackt??“, „Kinderwagen gehören nicht ins Treppenhaus, ihr Asis!“) und die ein oder andere Replik („Erstmal selber Kinder machen, aber dazu seit ihr ja zu dof!“). Oft wusste man nicht einmal, wie der Hamster der Nachbarin hieß. Keiner grüßte keinen, und keiner lieh keinem ein Ei.

    „Oooch, das ist doch 20. Jahrhundert“, lacht Mareike Heine, 41 Jahre. „Das kann ich überhaupt nicht bestätigen!“ Die liebenswerte Familienmutter, wohnhaft in einer Wilschenbrucher Jugendstilvilla, ist bereits seit Monaten auf drei Nachbarschafts-Apps unermüdlich aktiv. „Wenn ich ein welkes Wirsingblatt oder einen Liter ranzige Hafermilch übrig habe, stelle ich den Scheiß einfach ins Forum.“ In ihrem Straßenzug entstünde durch den Online-Austausch ständig etwas Neues. Aktuell diskutiere man sogar, sich auf der Straße zu grüßen – wenn „das hier“, sie weist aus dem Fenster auf die verwaisten Gehsteige, „endlich mal vorbei ist“. Auf alle Fälle gibt’s im Mai das geplante Straßenfest „Ringelkiez mit Anfassen“, notfalls den Viren zum Trotz.

    Seit Internet-Portale wie Nebenan.de oder Nextdoor Millionen von Nutzern anziehen, erlebt das lokale Miteinander eine nie geahnte Blüte. Einander eben noch wildfremde Menschen verleihen einander Akkuschrauber und Analduschen, organisieren Zusammenkünfte. Das Kommunikationsbedürfnis ist groß.
    „Suche Tabletten aller Art!“
    „Achtung : heute 16h Klingelstreich meiner Kinder. Nerven Bewahren ;-)“
    „Hilfe, Klopapier alle. Burggasse 3c, Erdgeschoss, Fenster steht offen. Bitte kein Recycling!!“
    „Wenn die Gören im Hof in 1 Std. noch genauso laut Fußball spielen, kippe ich einen Bottich Waschwasser aus dem 2. Stck. Reminder folgt in 15 Min.“
    „Wer geht mal mit meinem Waldi raus? Kann meinen Mann nicht mehr sehen!“
    Von Einkaufs- über Geburts- bis Sterbehilfe bringt jeder ein, was er kann. Bange Fragen („Ist mein Nachbar ein Psychopath?“) werden in den Foren rasch und unkompliziert bejaht.
    Können dank Online-Foren wieder gemeinsam lachen: Nachbarn in Reppenstedt.

    Profiteure gibt es dabei viele. Vor allem die Alten, die auf Hilfe besonders angewiesen sind. Rainer Kopp, 87 Jahre alt, ist einer von ihnen. Früher habe er nur gelangweilt aus dem Fenster gestiert, stundenlang. „Heute stiere ich aus dem Fenster und schicke dabei Emotionalis, oder wie die Dinger heißen, mit den Nachbarn hin und her“, freut sich der Greis: „Eine Riesengaudi!“ Andere Rentner setzen eher auf den persönlichen Monolog. Angebote wie: „Suche neugierige Zuhörer für einen 2. WK-Vortrag von Balkon zu Balkon. 3 Stunden sollten’s aber schon bitte sein!“ finden sich in Rubriken wie „Plausch & Tausch“ zuhauf.

    In Zeiten der Corona-Krise gewinnt die Nachbarschaftshilfe noch einmal an Bedeutung. #NachbarschaftsChallenge oder #neighboursunited sind die Hashtags der Stunde. Lebensmittelengpässe und Langeweile werden solidarisch bekämpft, dringliche Anfragen wie „Suche Filme mit Gewalt und / oder Didi Hallervorden auf VHS“ rasch erfüllt. Helfende Hände bieten ihren Nachbarn per geklopften Morsezeichen unterhaltsame Lektüre in tagelanger Detailarbeit, von „Zur Hölle mit Seniorentellern!“ bis zum „Zauberberg“. Manche Familien am vom Virus besonders gebeutelten Kreideberg sieht man dieser Tage auf Balkonen gemeinsam die Nationalhymne schmettern oder „Amoi seg‘ ma uns wieder“ von Andreas Gabalier. In der Lessingstraße im Roten Feld formiert sich diese Woche die erste virtuelle Bürgerwehr.

    Gute Nachbarschaft bedeute nicht für jede/n das Gleiche, sondern sei individuell sehr unterschiedlich, erklärt Dr. Gisela Mayer, Stadtsoziologin der Leuphana, die aktuell über Codes und Chiffren in Nachbarschafts-Apps forscht. Ein Beitrag wie „Nudelholz in liebevolle Hände abzugeben 😉 gez. Mario von über dem Kiosk“ könne durchaus von schillernder Polysemie sein. Was die Wissenschaftlerin auch registriert: In vielen Foren gewinnt die Kommunikation mit den Monaten deutlich an Kolorit. Der Ton wird rauer, aber auch vielfältiger. „Auch das ist gelebte Nachbarschaft“, erklärt Soziologin Mayer, die „die neue Offenheit“ preist. Beiträge wie „Wer hat in den Flur gekackt??“, „Kinderwagen gehören nicht ins Treppenhaus, ihr Asis!“ oder „Wer kauft mir endlich zehn Pack Nudeln, ihr Arschgeigen?“ beleben die Kommunikation. Auch virtuelle Nachrede ist zur Zeit populär: „Der Dicke aus dem Eckhaus hat doch Corona, so wie der immer durchs Küchenfenster guckt.“

    Ob mit oder ohne Pandemie: Lüneburger Nachbarschaft ist heute wieder so intensiv, solidarisch und persönlich wie anno dunnemals. „Es ist wieder wie in den Vierzigerjahren“, jubelt nicht nur Rainer Kopp. Bis sich das ganze Land wieder frei bewegen darf, bis die erste per App geplante Keilerei hinterm Altglascontainer endlich Wirklichkeit wird, ist die Vorfreude jedenfalls groß.

  6. Richtig, Herr Safft,

    konfrontiert mit der Corona-Krise, müssen die Deutschen aus der seit Jahrzehnten haussierenden Ich-AG in die Wir-GmuH, die Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung, wechseln. Das scheint in Zeiten, in der kompromisslose Selbstverwirklichung und grenzenloser Mallorca-Hedonismus erst durch die Fridays-for-Future-Bewegung lautstark hinterfragt wurden, noch nicht jeder verstanden zu haben.

    Wie aktuelle Umfragen und Beobachtungen zeigen, haben sehr viele Bürger den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen. Ihnen hätte die Kanzlerin ganz ausdrücklich sagen sollen, was als Nächstes kommt, wenn die schon geltenden Regeln und Empfehlungen nicht diszipliniert befolgt werden: eine bundesweite Ausgangssperre mit unbekannter Dauer.

    Dann ist nicht nur Schluss mit dem geselligen Sonnenbaden nach dem Homeoffice; dann schrumpft auch das Wirtschaftsleben noch weiter zusammen, mit all den Folgen, die das hat, in Deutschland wie in aller Welt.

    Im „worst case“ wird aus dieser Pandemie eine Weltwirtschaftskrise, wie die Menschheit sie seit dem dreißigjährigen Krieg des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr erlebt hat. Die Abermilliarden, welche die Regierungen und Notenbanken gerade weltweit in die Waagschale werfen, belegen, dass die Fachleute in einen Abgrund blicken. Die Krisenspirale ist nicht wählerisch, wen und was sie hineinreißt.

    Ökonomische Verwerfungen dieser Größenordnung haben, wie die Geschichte vielfach zeigt, auch politisches Zerstörungspotential, das man kaum überschätzen kann. Selbst wenn Deutschland, weil vergleichsweise stabil und reich, die Effekte dieser Weltkrise noch nicht in ihrer ganzen Wucht spürt, wird es von ihr getroffen werden.

    Jetzt – jetzt! – jetzt kann jeder Einzelne noch seinen Beitrag dazu leisten, dass es nicht so schlimm kommt, wie man es befürchten muss.

    Wir alle zusammen sind darauf angewiesen, dass jeder einzelne Bürger die Appelle unserer Bundeskanzlerin an Vernunft, Disziplin und Solidarität nicht nur hört, sondern auch beherzigt. Distanz ist nun nicht nur die neue Nähe, sondern auch erste Bürgerpflicht.

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