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Das Kreuz mit den Zweiten

Zweite Mannschaften sind der natürliche Feind vieler Fußball-Fans. Vor allem in der Regionalliga Nord machen sich die Zweiten jetzt an der Spitze breit: 1. HSV II. 2. Wolfsburg II, 3. Werder II, 4. 96 II, 6. Braunschweig II, 8. St. Pauli II. Und von Oldenburg bis Lübeck wird schon kräftig geschimpft: Die Zweiten machen die Liga kaputt. Wirklich?

Bemerkenswert: So dominant treten die Reserven zurzeit nur im Norden auf. Entweder machen also die norddeutschen Profivereine derzeit vieles richtig im Unterbau. Oder die Konkurrenz macht einiges falsch. Vier ehemalige Zweitligisten spielen in der Regionalliga mit – doch keiner dieser Vereine dürfte sich derzeit ernsthaft um einen Aufstieg Gedanken machen. Lübeck hat eine Insolvenz gerade erst hinter sich, Havelse musste den Etat deutlich herunterfahren, Oldenburg will einen Stadion-Neubau wuppen. Und Meppen? Damit ein Verein vom platten Land nochmals sich im Profibereich behaupten kann, muss schon sehr viel passen. Heidenheim, Sandhausen – noch ist es für Dorfvereine nicht unmöglich, auch ohne einen Hopp in der Hinterhand durchzustarten.

Dass sowohl der HSV wie auch St. Pauli ihren neuen Chefcoach aus dem Regionalliga-Team hochgezogen haben, kommt auch nicht von ungefähr. Die Proficlubs nehmen ihren Nachwuchs offenbar deutlich ernster als noch vor wenigen Jahren, haben dafür aber auch die finanziellen und personellen Mittel. Wer Experten ran lässt und nicht nur einen verdienten Ex-Profi, der irgendwo noch unterkommen muss, ein bisschen Geld und ein bisschen Gehirnschmalz investiert, der kann sich nicht nur über Erfolge im Unterbau freuen, sondern auch über junge, gut ausgebildete Profis – das scheint man jetzt sogar beim HSV kapiert zu haben. Für die Bundesligisten sind die Summen, die sie in die Zweite investieren, Peanuts, für den Rest unerreichbare Zahlen.

Die Einen können sich einen Trainer mit sechsstelligem Jahresgehalt leisten, die anderen müssen von solchen Summen die komplette Mannschaft bezahlen. Bei den 96-Amateuren kickt der aussortierte Salif Sané mit, für den Hannover zwei Millionen Euro Ablöse gezahlt hatte. Dafür könnte man in Lüneburg eine komplett neue Sportanlage bauen – Chancengleichheit sieht anders aus.

Trotzdem: Meckern allein hilft nicht, denn der DFB wird niemals gegen den Willen der Profis die Zweiten aus dem Ligasystem eliminieren. Sportlich waren gerade die Vergleiche mit Brauschweig II und St. Pauli II aus Lüneburger Sicht hochinteressant, stimmungstechnisch gehörte der Ausflug zu 96 II zu den Highlights der bisherigen Saison – auch wenn einige Ultras aus Hannover an anderen Tagen eindeutig über die Stränge schlugen.  Zudem haben in den vergangenen Jahren einige allzu windig geführte Vereine wie Oberneuland oder Wilhelmshaven die Liga verlassen müssen – wer vermisst sie wirklich?

Andreas Safft