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Die letzten Medaillen der Saison mussten hart erarbeitet werden.

So viele Geschichten

Seit gut vier Jahren betreibe ich die läuferische Nabelschau an dieser Stelle, analysiere meine kleinen Erfolge und großen Einbrüche in der zarten Hoffnung, dass sich irgendjemand für diese Ergüsse interessieren könnte. Was soll ich aber machen, wenn es von meiner Seite aus absolut nichts zu berichten gibt, wenn ich also einfach nur ohne Ehrgeiz und ohne besondere Vorkommnisse gelaufen bin? Soll ich einfach mal aufzählen, wer mir alles beim Herbstlauf in Westergellersen begegnet ist? Vielleicht ist das ja viel aufregender als Berichte nach dem Motto “haha, Bananenschale ausgerutscht”. Ich versuche es einfach mal.

Wer also ist mir an diesem Vormittag aufgefallen?

Die Landesmeisterin aus Mecklenburg-Vorpommern, die einfach noch einen Halbmarathon laufen will, statt in Berlin zufälligerweise in Westergellersen landet und sich über die “kleinen Berglein” wundert.

Der Lüneburger Crack, der überhaupt zum ersten Mal einen Halbmarathon läuft, ihn gleich gewinnt – und dabei Reklame für ein Restaurant läuft, das für seine XXL-Schnitzel bekannt ist. “Ein Bierchen trink’ ich da auch mal gern”, gesteht der Crack, “auf meine Ernährung achte ich aber schon ein bisschen.”

Der Arend von meinen Düvelsbrook Dynamics, der mir ansonsten locker wegrennt, diesmal aber den Pacer für Nico gibt und tapfer an dessen Seite bleibt – immer in Sichtweite zu mir: “Wir haben dich ja bis zu den Bergen gesehen, aber dann bist du abgezogen…” (Jaja, wer’s glaubt.)

Der Drittliga-Schiedsrichter aus Kirchgellersen, der die Wahl hat zwischen dem heimischen Sofa und seinem allerersten Volkslauf, sich für den Lauf entscheidet und bei Kilometer sieben denkt, “ich kotz’ gleich”. Nun, Fußballplätze sind auch manchmal matschig – aber bestimmt nicht so hüglig. Den nächsten Lauftest wird er sicher .

Der 81-jährige Willi Vogt, der neulich deutscher Altersklassen-Meister über 10 km wurde und diesmal stolz darauf ist, dass er die Westergellerser Berge zum ersten Mal ohne Gehpausen geschafft hat.

Die abgeschlagene 5-km-Läuferin, die sich bzw. mich mitten auf der Strecke fragt: “Habe ich mich verlaufen?” Ich versuche sie aufzumuntern: “Ist nur noch ein Berg.” Es sind leider noch drei Berge. Aber später sehe ich sie doch gesund und munter im Ziel.

Vergessen will ich nicht die Nachbarin, die wie jeden Sonntag von einer Freundin zum Joggen abgeholt wird und die bestimmt nie auf die Idee kommen würde, einen Volkslauf zu besuchen. Oder den jungen Kerl, den ich auf der Rückfahrt in Oedeme durchs Altdorf rennen sehe: federnd, schattenboxend, ein bisschen wie Rocky Balboa.

So viele Arten zu laufen. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen.