Donnerstag , 1. Oktober 2020

"Gucci hier, Gucci da"

Morgen beginnt die neue, die 51. Saison der Fußball-Bundesliga. Und nur der Hamburger SV ist seit dem Gründungsjahr dabei. Doch wie ein alter, behäbiger Dino  – so spielte er in den vergangenen Jahren auch oft. Wird diesmal alles anders? Die Vorzeichen vor dem Saisonauftakt auf Schalke sprechen eher dagegen.

Am dritten Spieltag der neuen Saison wird die stolze Stadionuhr des Hamburger SV auf 50 Jahre umspringen. Hoffentlich steckt das Bundesliga-Urgestein dann nicht schon wieder in der Krise. In den beiden Vorjahren hat der HSV den Saisonstart kräftig verkorkst. Und eine Wiederholung ist nicht auszuschließen.

Jedenfalls macht das Team von Trainer Thorsten Fink auch diesmal keinen gefestigten Eindruck. In den Testspielen gönnte sich der HSV einige Blamagen. Im DFB-Pokal war der Gegner diesmal zum Glück nur ein Fünftligist.

Und der Verein gab den Medien auch darüber hinaus wieder reichlich Futter – vor allem dank Indiskretionen aus dem aufgeblähten Aufsichtsrat. Der HSV gehört seit Jahren zu den am schlechtesten geführten Proficlubs in Deutschland. Grabenkämpfe und Missmanagement schadeten gleichermaßen der Wirtschaftlichkeit und dem Ansehen des Traditionsvereins.

Auch der Umgang mit aussortierten Spielern zeugt – gelinde gesagt – nicht gerade von hanseatischer Kaufmannskunst. Einst für teures Geld geholte und mit Millionenverträgen ausgestattete Kicker werden in die zweite Mannschaft degradiert, verlieren jeglichen Marktwert – und werden bestenfalls wie im Fall Marcus Berg verschenkt. Andere werden ihre Verträge wohl aussitzen, und der HSV wird weiter kräftig für seine Fehler der Vergangenheit bezahlen. Auch durch den jahrelangen Verschleiß von Trainern, Co-Trainern, Co-Co-Trainern und Sportchefs samt Abfindungen und Lohnfortzahlungen gehen ständig Millionen Euro die Elbe runter.

Nach Platz sieben gibt der HSV jetzt das Ziel Europapokal aus – was soll er auch sonst sagen? Doch für viele Fans ist zweitrangig, ob der HSV Sechster oder Neunter wird. Viel wichtiger ist ihnen, endlich wieder eine Mannschaft zu sehen, die funktioniert, die in jedem Spiel Gas gibt, die hungrig auf Siege ist und bei der eine Weiterentwicklung zu sehen ist.

Doch daran darf man auch in diesem Jahr wieder zweifeln. Wenigstens scheint der neue Sportchef Oliver Kreuzer eine gute Wahl zu sein. Endlich mal einer, der den Finger in die Wunde legt. So nahm er sich die Spieler nach den mehrfachen schlappen Auftritten zur Brust und warf ihnen vor, sich mehr für Freizeit und Designerklamotten („Gucci hier, Gucci da!“) zu interessieren als für ihren Beruf. Bei keinem anderen Bundesligaclub – abgesehen vielleicht von Wolfsburg – dürfte die Diskrepanz zwischen Gehalt und Leistung seit Jahren größer sein als bei so einigen HSV-Kickern. Unter der Woche blamierte sich der HSV schon wieder beim mageren 2:0 beim Landesligisten Etelsen. Und wieder mal daddelte der HSV bedenklich lustlos vor sich hin.

Trainer Fink wirkt immer noch seltsam unbeholfen in der Ausrichtung der Mannschaft. Ein 4-2-3-1-System lässt er jetzt spielen. Darin sollen van der Vaarts Qualitäten als Ballverteiler wieder mehr zum Tragen kommen. In der Vorsaison trat er als hängende Spitze kaum in Erscheinung. Vielleicht kann der Kampf um einen WM-Platz 2014 dem holländischen Nationalspieler noch mal Beine machen.

Mit Calhanoglu, dem aus Karlsruhe gekommenen Freistoßspezialisten, steht bereits ein begabter Nachfolger bereit. Mit Demirbay hat der HSV ein weiteres hoffnungsvolles Talent geholt. Bleibt die Frage, wie viel Spielpraxis Fink den beiden gönnt. Wenn der HSV es ernst meint, auf junge Spieler setzen zu wollen, müssen sie auch regelmäßig ihre Chance bekommen. Auch Arslan und Beister hoffen in dieser Saison auf den Durchbruch – so wie es Son vorgemacht hat. Nach dessen Abgang nach Leverkusen verbleibt mit Rudnevs nur noch ein Torjäger – rätselhaft, warum Fink ihm in der Vorbereitung ständig den Neuzugang Zoua vor die Nase setzte.

In der Innenverteidigung sollen die Neuzugänge Djourou und Sobiech für mehr Stabilität sorgen. Und vor allem für einen Spielaufbau, der diesen Namen auch verdient. Geradezu bieder und behäbig spielte der HSV oft in der Vorsaison, ohne Tempo, ohne Ideen, ohne spielerische Klasse. Es ist kein Zufall, dass die Hamburger in den vergangenen beiden Spielzeiten jeweils die zweitwenigsten Heimspiel-Tore der Liga schossen. Ganze 37 Stück in 24 Spielen. Erstaunlich genug, dass trotzdem jedes Mal 50000 Menschen ins Stadion kommen. Darauf ist auch nach 50 Jahren Bundesliga Verlass.                         Frank Lübberstedt