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Vereinsdialog in Lüneburg, hinten von links: NFV-Vizepräsident Hans-Günther Kuers, Dynamo-Chef Jens Niemann, Henryk Kuzbik (Integrationsbeauftragter und Spieler 2. Herren), Martin Siemer (Trainer 1. Herren). Vorne: Mathias Manthey (Dynamo-Schatzmeister), Christian Röhling (NFV- Kreisvositzender), Christoph Beismann (NFV-Referat Nachhaltigkeit/Masterplan), NFV-Direktor Bastian Hellberg. Foto: Finger/NFV

Vereinsdialog FC Dynamo Lüneburg: „Entspannt sind wir nie“

Am Ende des Termins hat Jens Niemann noch ein Anliegen. Vor ihm liegt ein weißes Blatt Papier, das er mit Namen und zwei Daten beschriftet hat: 01.10.16. und 15.10.16. An diesen Tagen hat er für zwei neue Spieler, die beide aus Afghanistan kommen, beim NFV einen Passantrag gestellt, seitdem aus Barsinghausen aber nichts gehört.

„Dass mal vier, fünf Wochen vergehen, bevor die Spielerlaubnis vorliegt, passiert öfter. Aber neun Wochen wie bei dem ersten Spieler? Das ist zu lange“, sagt der Vorsitzende FC Dynamo Lüneburg. „Gib‘ mir bitte mal den Zettel mit, ich gebe dir in den nächsten Tagen Bescheid, woran es liegt“, antwortet Niemanns Gegenüber, NFV-Direktor Bastian Hellberg.

Zwei Stunden zuvor hatte der Vereinsdialog mit dem FC Dynamo pünktlich begonnen. Treffpunkt ist das Gelände des VfL Lüneburg. Dort, mitten im Herzen der Hansestadt, sind die Dynamo-Kicker inzwischen im sechsten Jahr Untermieter. „Die beiden ersten Jahre unseres Vereinsbestehens waren wir in Bardowick zu Gast. Unser Ziel lautete aber immer, in die Stadt zu kommen. Wir hatten und haben viele junge Spieler, von denen die wenigsten im Besitz eines Führerscheins sind“, sagt Niemann während des Gesprächs, das im Vereinsheim des VfL stattfindet.

Seit seiner Gründung im Jahr 2009 ist der FC Dynamo ein Klub ohne eigenes Gelände. Ein „Schicksal“, mit dem er in der Stadt nicht alleine ist. Auch der traditionsreiche LSK Hansa, der Dynamo in Bardowick folgte, oder der 2014 aus der Taufe gehobene Sport Club Lüneburg sind auf der Suche. „Wenn die Stadt es richtig machen will, dann müsste sie ein Gelände konzipieren, an dem mehrere Vereine partizipieren können“, sagt Niemann.

Beim VfL fühlen sich die Dynamos dennoch wohl. Ein wenig „Heimatgefühl“ vermitteln auch die beiden Trikots, die im VfL-Vereinsheim „Zum Treffer“ hängen. Eines ist gelb, das andere weinrot, beide von Dynamo Dresden. Dabei hat der populäre Ostklub mit der Namensgebung nichts zu tun. Vielmehr zeugen die Leibchen von der Fan-Leidenschaft des Pächterpaares Catrin und Andre Tätzler, die beide aus der Elbmetropole stammen.

Doch warum heißt Dynamo dann Dynamo? „Im Herbst 2008 standen wir auf dem Oktoberfest mit etwa zehn Leuten zusammen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns schon auf die Farben und das Logo des neuen Vereins geeinigt, nicht aber auf seinen Namen. Bis auf einmal eine Gruppe Frauenfußballerinen des VfL Lüneburg an uns vorbeimarschierte und dabei mehrfach skandierte: ‚Licht am Fahrrad, Licht am Fahrrad, Dynamo!‘“, berichtet Jens Niemann. So wurde spontan der FC Dynamo aus der Taufe gehoben.

Der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens aus der Bauzulieferer-Branche, der Anfang Januar 46 Jahre alt wird, ist heute das letzte verbliebene Gründungsmitglied im Vorstand. Andere „Männer der ersten Stunde““ sind aber auch noch im Verein. Wie so viele Dynamos war Niemann zuvor beim Ochtmisser SV aktiv. Als die dortigen A-Junioren in den Seniorenbereich aufrückten und dort unter einem Herrentrainer spielen sollten, unter dem sie nicht spielen wollten, „beschlossen wir eigene Wege zu gehen.“

Der OSV verlor in der Folgezeit insgesamt zwei seiner drei Herrenmannschaften an den FC Dynamo, der die Lüneburger Fußballszene von Beginn an bereicherte. „Wir waren ein junger Verein, endlich mal nichts Alteingesessenes. Bei vielen Fußballfreunden, die nach einer Alternative suchten, stießen wir auf Anklang“, sagt Niemann und ergänzt: „Lüneburg hatte damals zwei Fanszenen. Die des LSK und die des FC Dynamo“. Eine Gruppe von 20 bis 30 Personen sorgte bei jedem Spiel der Schwarz-Roten für Stimmung. „Leider hat sich das Ganze inzwischen verlaufen. Es waren viele Studenten dabei und die ziehen nun irgendwann auch mal wieder weg“, berichtet Henryk Kuzbik beim Vereinsdialog. Der 36-Jährige gehörte damals selbst zur Fanszene und spielt seit 2010 in der 2. Herrenmannschaft.

„Der etwas andere Verein“, wie sich Dynamo auf der klubeigenen Homepage nennt, bot zunächst nicht nur Fußball an. „Wir hatten auch schon mal Bowling, doch inzwischen gibt es in der gesamten Stadt keine Bahn mehr“, erklärt Niemann. Eine flotte Kugel spielten in den Anfangsjahren auch die Fußballfrauen des FCD, doch auch sie gehören längst der Vergangenheit an. Heute besteht der Verein noch aus zwei Herrenmannschaften und in der Halle aus einem Altherrenteam. Die „Erste“ überwintert in der 2. Kreisklasse auf einem Aufstiegsplatz, die „Zweite“ kickt in der 4. Kreisklasse.

In beiden Mannschaften entstammt das Gros der Spieler noch den alten OSV-Zeiten und wurde inzwischen ergänzt um die eigenen ehemaligen Jugendspieler, die dem erfolgreichen B-Juniorenjahrgang entsprungen sind, der 2012 mit einem 3:0 über Heidetal den Kreispokal und damit den bisher einzigen Titel der Vereinsgeschichte gewann.

„Im Moment haben wir leider keine Jugendabteilung mehr“, bedauert Niemann. Akzente setzt sein Verein vor allem im integrativen Bereich. „Unsere Teams sind ein bunter Mix aus vielen Nationen. Syrer, Afghanen, Iraker, Somalier, Türken“, berichtet Niemann. 30 der aktuell insgesamt 120 Mitglieder sind Flüchtlinge. Einer von ihnen, der 23-jährige Afghane Hamed Sager, verlor als Kind bei einem Taliban-Angriff sein rechtes Bein und hütet trotz dieses Handicaps mit einer Prothese das Tor der zweiten Mannschaft. „Alle Flüchtlinge besitzen eine beitragsfreie Mitgliedschaft. Bei unter 18-Jährigen trägt die Stadt die Gebühren“, sagt Niemann. Zudem gebe es Fälle, in denen die Gasteltern die Beiträge übernehmen.

Allgemein liegen die monatlichen Tarife bei 14 Euro (Vollzahler), 10 Euro (Student/Azubi) und 7 Euro (Kinder). Den hieraus erwirtschafteten 8000 Euro stehen Kosten von 13000 Euro für Platzmiete, Trainervergütungen, Schiedsrichter, Gebühren oder Trainingsmaterialien gegenüber. „Die Differenz von 5000 Euro auszugleichen ist die jährliche Aufgabe des Vorstandes“, sagt Niemann. Dabei helfenZuschüsse vom Kreisportbund, des Landkreises oder Sponsorengelder. „Mal haben wir 1000 Euro Überschuss, mal ein Minus von 500 Euro. Aber entspannt sind wir nie.“

Die in vielen niedersächsischen Vereinen vorherrschende Not an Unparteiischen kennt der FCD nicht. „Wir haben drei Schiedsrichter für zwei Teams“, erklärt der Vorsitzende. Auch im Ehrenamt sieht die Dynamo-Welt ein bisschen anders aus. Niemann: „Mit wenigen Aktiven kann man bei uns viel organisieren. Aber noch müssen wir uns ja noch nicht um die Bewirtschaftung eines Vereinsgeländes kümmern.“

Übrigens: Just am Tage des Vereinsdialoges wurde der erste Spieler in Barsinghausen freigestempelt und der Pass am Morgen darauf an den FC Dynamo verschickt. Die Spielerlaubnis für den zweiten Neuzugang ging kurz darauf heraus. Hintergrund für die Verzögerung: Pro Tag werden in der NFV-Passstelle im Schnitt 150 Anträge bearbeitet, so dass die Mitarbeiter teilweise einen Rückstand von ein bis zwei Monaten aufholen müssen. Die Unterlagen für Flüchtlinge werden zunächst an den DFB geschickt, der sich mit den Heimatländern in Verbindung setzt. Bleiben die Nachforschungen ergebnislos, kehrt der Vorgang nach Ablauf der automatischen Vier-Wochen- Frist nach Barsinghausen zurück. Erst dann können die NFV-Mitarbeiter aktiv werden.

Quelle: Niedersächsischer Fußball-Verband