Freitag , 23. Oktober 2020

Zu welchem Preis?

KOMMENTAR zur Luhmühlener Erklärung – „Wir sind Feuer und Flamme…“

Klar, es wäre das Größte für Fans und auch für uns Sportjournalisten, wenn sich die besten Sportlerinnen und Sportler der Welt im August 2024 vor unserer Haustür zu den Olympischen Spielen treffen würden. Aber zu welchem Preis? Und ist es überhaupt realistisch, von Olympischen Sommerspielen an der Elbe zu träumen?

„Wir sind Feuer und Flamme für die Durchführung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 in Deutschland“, heißt es in der Luhmühlener Erklärung, die aber noch nicht offiziell verabschiedet wurde, weil der Lüneburger Kreistag ihr noch zustimmen muss. Überhaupt: Olympia-Begeisterung ist an der Ilmenau allenfalls in homöopathischen Dosen zu spüren. Der Rat der Hansestadt verabschiedete im vergangenen November eine wohlklingende Resolution. Doch im Rat- wie im Kreishaus scheint der Funke nicht wirklich übergesprungen zu sein.

Wer trommelt aber besonders laut für Hamburg? Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) etwa, dessen Chef Alfred Hörmann dringend ein Projekt braucht. Er hat Münchens Bewerbung für die Winterspiele entscheidend mit an die Wand gefahren. Er steht zudem schwer unter Druck, weil die Politik nach dem mäßigen Abschneiden der deutschen Athleten bei den jüngsten Spielen Fördermittel kürzen will.

Aber wie sieht die deutsche Sportförderung überhaupt aus? Exotische Disziplinen wie Rodeln oder Kanurennsport werden mit Millionen überschüttet, weil sie medaillenträchtig sind. Gleichzeitig vergammelt die Infrastruktur in der Breite. In Kiel, der potenziellen Olympiastadt für die Segelwettbewerbe, droht dem einzigen beheizbaren Freibad die Schließung. Und in Hamburg lässt sich der Zustand vieler Sporthallen jenseits der großen Arenen nur noch mit einem Wort beschreiben: erbärmlich. Ach ja, und wie sieht das eigentlich in Lüneburg aus? Wo sollen die Volleyballer der SVG Lüneburg künftig in der Bundesliga spielen? Wo könnte denn der Lüneburger SK unterkommen? Lange nichts mehr von diesen Themen gehört…

Nein, Olympia ist ja wichtiger. Etwa für die Hamburger Handelskammer oder für die IHK Lüneburg-Wolfsburg, Initiatorin der Luhmühlener Erklärung. Dass die Unternehmerverbände nicht die Liebe zum Sport antreibt, räumen sie ja selbst ein. „Branchenübergreifende wirtschaftliche Impulse und Beschäftigungseffekte durch Investitionen und Aktivitäten im Vorfeld und den Kaufkraftzuwachs während der Spiele, u. a. durch eine umfassende und beschleunigte Verkehrsinfrastrukturentwicklung im Vorfeld der Spiele“, erhofft die IHK.

Man kann es auch anders formulieren: Es müssen Milliarden verbaut werden. Milliarden für Sportstätten und Unterkünfte, für Straßen und Schienen, für die Entwicklung künftiger Stadtteile. Wer bekommt die Aufträge? Firmen, die in der Handelskammer oder in der IHK organisiert sind – und zwar die richtig großen Firmen, weniger die mittelständischen. Wer profitiert außerdem davon? Das Internationale Olympische Komitee, ein Verein mit zweifelhaftem Ruf vergleichbar mit der FIFA. Wer bezahlt’s? Gucken Sie mal in den Spiegel…

Zu welchem Preis könnte Hamburg denn die Spiele bekommen? Neun Wochen vor dem Referendum liegen übrigens immer noch keine Zahlen vor. Und auch in Luhmühlen sprach man nur von Chancen, nicht von Risiken. Das Risiko haben im Zweifelsfall weder IHK noch Handelskammer, weder IOC noch DOSB zu tragen. Sondern wir.

Andreas Safft