Samstag , 31. Oktober 2020

Keine Zeit für Neid

10 Millionen Euro inklusive Prämien und Werbeeinnahmen soll Marco Reus künftig pro Saison bei Borussia Dortmund verdienen. Sagenhafte 3,16 Milliarden Euro gar nimmt die englische Premier League gar ab 2016 pro Jahr allein an Fernsehgeldern ein. In der Bundesliga fiel man angesichts dieser Zahlen gleich vor Neid in Ohnmacht und denkt schon über eine fernsehgerechte Optimierung der Spieltage nach. Viel wichtiger als die Frage, ob der deutsche Fußball unbedingt Bundesligaspiele samstags um 12 Uhr oder am Montagabend benötigt, sind doch jetzt grundsätzliche Gedanken: Wohin soll diese Preisspirale eigentlich noch hinführen?

In England lässt sich die Zukunft des Profifußballs schon jetzt beobachten. Heimspiele vom FC Chelsea oder Manchester United verkommen angesichts der horrenden Ticketpreise mehr und mehr zu einem Spaß für Yuppies, während die Angestellten der Clubs, wie gerade eine Studie aufdeckte, in aller Regel mit Hungerlöhnen abgespeist werden. Man kann sicher sein, dass viele Vereine das zusätzliche Geld nicht in die Ausbildung des Nachwuchses stecken, sondern in immer neue Superstars. Man kann ebenso sicher sein, dass englische Jungstars von der Güteklasse eines Marco Reus bald 20 oder 30 Millionen Euro verdienen werden.

Was sind da schon 10 Millionen? Kaum 200.000 Euro pro Woche – und das in einer Stadt mit fast 13 Prozent Arbeitslosigkeit, einer verrotteten Infrastruktur und einem großen Problem mit Rechtsextremisten. Trotzdem erklang kein empörter Aufschrei in Dortmund, sondern allgemeiner Jubel. Zur Neiddebatte bleibt keine Zeit. Reus spielt wenigstens für seine 10 Millionen ordentlichen Fußball und verzapft keinen Unsinn, solange er nicht ohne Führerschein Auto fährt, löst keine Weltwirtschaftskrisen mit hochriskanten Börsengeschäften aus.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst gerade in Deutschland. Komischerweise stört das offenbar niemanden im Land des Weltmeisters, wenn es um Fußball geht. Das Geld für Reus und die vielen anderen Millionäre fällt nicht vom Himmel, das zahlen wir. Zwangsweise mit der Gebührenrechnung für ARD und ZDF. Freiwillig als Stadionbesucher, Pay-TV-Abonnent oder Käufer eines Fan-Shirts – Artikel, die für wenige Cent irgendwo in Asien unter miesen Bedingungen hergestellt und hierzulande für 80 Euro verkloppt werden. Von solchen Gewinnmargen träumen selbst Drogenhändler.

Der Bundesligazirkus hat sich, wenn auch noch nicht ganz so stark wie die Premier League, zu einer gigantischen Umverteilungsmaschine von unten nach oben entwickelt. Er zieht manchen Leuten den letzten Cent aus der Tasche, lässt nebenbei den Amateurfußball verkümmern. Wen zieht es schon auf den Sportplatz vor Ort, wenn er sieben Tage pro Woche Fußballstars aus aller Welt im Fernsehen bewundern kann? Wer lässt sich noch auf dem Dorf den Wind um die Ohren pfeifen, wenn in den Arenen der 1. Liga die perfekte Unterhaltung geboten wird? Wen interessieren noch die sportlichen Erfolge seines Nachbarns, wenn man doch noch über die neue Freundin von Schweinsteiger und die verpatzte Geburtstagsfeier von Cristiano Ronaldo diskutieren muss.

Dieses Milliardengeschäft Fußball gefällt mir nicht mehr. Es macht wenige unermesslich reich und viele ärmer. Und das bezieht sich nicht nur auf den Kontostand.

Andreas Safft