Freitag , 18. September 2020

Kein Tasmania Lüneburg

Das böse Wort von Tasmania Lüneburg macht bereits die Runde. Was auch immer der Lüneburger SK in der Regionalliga bisher versucht hat, wie auch immer er gespielt hat – alles Mögliche sprang in den ersten sieben Spielen heraus, nur kein Sieg. Aber darf man den Neuling nach fünf Niederlagen in Folge mit dem schlechtesten Bundesligisten aller Zeiten vergleichen? Definitiv nicht. Und das hat mehrere Gründe.

1. Teambuilding: Wie die ganze Mannschaft nach Toren zum verletzten Philipp Borges an den Spielfeldrand eilte, wie zum Beispiel ein Tezcan Karabulut langsam lernt, auch nach hinten bis an die Grundlinie zu arbeiten, lässt darauf hoffen, dass dieses Team allmählich zu einer Einheit zusammenwächst. Anders hätte sie auch keine Chance gegen Kontrahenten, die in der Regel über deutlich mehr Geld und sehr viel intensivere Trainingsmöglichkeiten verfügen.

2. Lerneffekt: Das 2:3 gegen Lübeck machte deutlich, wo es die größten Probleme gibt: in der Rückwärtsbewegung bei Ballverlusten und offenbar auch in der körperlichen Verfassung diverser Spieler, die einfach noch nicht die Ausdauer für 90 Minuten Powerfußball haben. Probleme, die man nicht von heute auf morgen, aber doch innerhalb einer Saison abstellen kann und muss: Elf Gegentore in den letzten vier Spielen waren eindeutig zuviel.

3. Die Konkurrenz: Der Sprung von der Oberliga in die Regionalliga mag riesig sein, doch der LSK hat das Potenzial, um mindestens drei Mannschaften hinter sich zu lassen. Cloppenburg, Freie Turner Braunschweig, sicher auch St. Pauli II oder Neumünster – zwei Teams, die der LSK mit etwas mehr Cleverness oder Glück auch deutlich hätte schlagen können. Es gibt noch die Rückspiele…

4. Die Zuschauer: Noch immer kommen deutlich mehr als 1000 Lüneburger zum Heimspiel. Ein deutliches Zeichen dafür, dass den Fans der Fußball gefällt und dass sie weiter an eine Chance glauben. Beim Regionalliga-Debakel vor 14 Jahren gingen die Zahlen dagegen sehr schnell zurück.

5. Und was war mit Tasmania? Dier Berliner stellten in der Saison 1965/66 einige Negativrekorde für die Ewigkeit auf, starteten aber mit einem Sieg. 81500 Zuschauer feierten im Olympiastadion euphorisch ein 2:0 gegen den Karlsruher SC. Eine Euphorie, die sich ganz schnell verflüchtigte. Der SV Eichede hatte in der Vorsaison 16 Punkte in den ersten zehn Spielen gesammelt, sorgte für Schlagzeilen à la „Ein Dorf rockt die Oberliga“. Der Rest der Serie entwickelte sich nicht zum Rock ’n‘ Roll, sondern zum Trauermarsch.

Zwei Punkte Rückstand auf das rettende Ufer lassen sich in 27 Spielen sicher aufholen, wenn sich die Lüneburger nicht unterkriegen lassen und weiter an ihre Stärke glauben. Was passiert aber mit dem Verein, wenn es am Ende doch nicht reichen sollte, die Spieler sich nicht halten lassen und die Verantwortlichen vielleicht auch hinwerfen? Ohne Unterbau, immer noch ohne Heimat – da könnte einem wirklich angst und bange werden um den Club. Tasmania übrigens schaffte nie wieder den Spung in die Bundesliga und ging 1973 bankrott.

Andreas Safft