Montag , 28. September 2020

Mehr als Partymeile

Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft so stark in ein WM-Turnier startet, dann kann man sich auf einige Dinge verlassen. 1. Stundenlang beherrschen glückliche Fans und die Partymeilen auf allen Kanälen die Berichterstattung. 2. Irgendwie schafft es die Kanzlerin wieder in die Kabine der Elf. 3. Vorwiegend jüngere Männer mit PS-starken Autos rasen in Kolonnen fähnchenschwenkend durch die Straßen. 4. Einige Leute sind schwer angenervt. Von Punkt 1 und 2, vor allem aber von Punkt 3, wie auch eine lebhafte Debatte auf der Facebookseite der Landeszeitung beweist.

Zwei Gruppen standen sich da unversöhnlich gegenüber: Einige User stichelten, schrieben zum Beispiel: „Da ist das Benzin offensichtlich noch viel zu billig. Vollidioten.“ Oder: „Ein Sieg und die Typen feiern schon die Weltmeisterschaft. Kopf -> Tisch!“ Die Mehrheit aber will sich das Feiern nicht madig machen lassen. Einer meint: „Es ist doch schön, wenn man in Deutschland auch mal Emotionen zeigt und ein bisschen feiert. Die Miesepeter, die mit ihren erhobenen Zeigefingern bedingungslose Vernunft und Freudlosigkeit predigen, können sich ja während des Autokorsos in den Keller begeben und in angenehm kühler und ruhiger Umgebung die Wände anstarren, die so grau sind wie deren Alltag.“

Nun, ein Autokorso wirkt in der Regel so „spontan“ wie das Silvesterfeuerwerk oder die Halloweenparty. Und wer in Lüneburg genau hinschaute, dem fiel schon auf, dass da immer wieder das gleiche Dutzend Heide-Vettels seine Runden drehte. Aber sie hatten ihren Spaß, die meisten Zuschauer auch – was soll’s? Die Einen schauen sich gern experimentelles Tanztheater an oder lesen Dostojewski im Original, die Anderen finden halt den schwarz-rot-goldenen Karneval rund um ein Großturnier einfach nur geil.

Beide Seiten verbindet eine herzliche Abneigung. Wer hupend und gröhlend durch die Straßen düst, gilt als testosterongesteuerte Dumpfbacke, als Gefahr für die Menschheit. Wer aber auf der allgemeinen Euphoriewelle nicht mitschwimmen mag, der ist ein Spielverderber, ein Veggieday-Forderer, ein Unsympath. Hallo?

Manche Leute mögen Fußball, manche nicht. Manche halten alle zwei Jahre zu „Schland“, für andere ist ihr Club ihr Leben. Wer noch nie gelitten hat – ob nun nach einem vergurkten „Finale dahoam“, nach einer Chaossaison mit glücklichem Ende in der Relegation oder in grauen Jahren in der Zweit- oder Fünftklassigkeit -, der weiß nicht, wie sich Fußball wirklich anfühlt. Fußball ist wesentlich mehr als Partymeile und Autokorso. Auch wenn das im Augenblick etwas anders rüberkommen mag.

Andreas Safft