Mittwoch , 23. September 2020
Der Thomasburger SV stellt für seine Fans Stühle zur Verfügung. Vielerorts sollen Zuschauer aber auch ihre eigenen Sitzgelegenheiten mitbringen. Foto: lüb

Die große Verunsicherung

Lüneburg. Irgendwann im Verlauf des Bezirksliga-Staffeltags hatte Michele Assenheimer die Faxen dicke. „Was passiert eigentlich“, hat der Fußball-Obmann des SV Wendisch Evern in die Runde gefragt, „wenn ein Verein unter diesen Bedingungen nicht antreten will?“ Allgemeines Gemurmel. „Dann steigt er halt ab“, hieß es am Ende. „Und in der nächsten Raucherpause haben mir alle recht gegeben“, fügt Assenheimer an. Am kommenden Wochenende soll der Spielbetrieb von der Regionalliga bis zur Jugend wieder starten. Und das unter Auflagen, die Corona geschuldet sind. Auflagen, die vielen Vereinen große Probleme bereiten.

Der Rückzug

Augen zu und durch. Hoffen, dass es irgendwie gut geht. So scheint das Motto allerorten zu heißen. Allerdings nicht beim FC Heidetal. „Der Verein hat alle acht Jugendmannschaften vom Spielbetrieb zurückgezogen“, erklärt der Vorsitzende Ulrich Brockhöft. „In einer Umfrage hat sich mehr als die Hälfte der Eltern für diesen Schritt ausgesprochen. Jetzt hoffen wir, dass wir die Kinder nicht verlieren.“

Das Training soll wie geplant weiterlaufen, Spiele mag Brockhöft aber gerade den Jugendbetreuern nicht zumuten: „Wir haben eine Obhutsverpflichtung und müssen Verantwortung für die Minderjährigen übernehmen.“ Kritisch sieht er vor allem die An- und Abfahrt sowie die Situation in den Umkleiden und Duschen. „Unsere A-Jugend sollte bis Lüchow fahren“, sagt Brockhöft. Unter den gegebenen Bedingungen ein reines Abenteuer. „Wir fühlen uns vom Verband allein gelassen.“

Der Niedersächsische Fußball-Verband (NFV) hat eine Woche vor dem Beginn der Spiele „Handlungsempfehlungen für die Vereine“ veröffentlicht, die allerdings die Unsicherheit bei vielen noch verstärkt haben. Es werden feste Fahrgemeinschaften empfohlen. Gastmannschaften sollten am besten schon umgezogen anreisen und nach den Spielen immer zuerst duschen können – wenn denn genug Duschen vorhanden sind.

Die Zeitnot

Der FC Heidetal hat nach dem Rückzug seines Nachwuchses ein Problem weniger. Die 1. Herren spielt in Ehlbeck, die 2. Herren hat alle Partien jetzt nach Betzendorf verlegt. Doch anderenorts ist es schlicht unmöglich, die Partien zweier Teams wie sonst üblich im Zwei-Stunden-Rhythmus anzusetzen. „Wir haben die Pläne wie immer erstellt. Denn wir können nicht im Voraus bei 104 Vereinen gucken, was die für Möglichkeiten haben“, berichtet Thore Lohmann, der Spielausschussvorsitzende des NFV-Kreises Lüneburg. Am morgigen Mittwoch findet die Spielebörse auf Kreisebene statt, schon jetzt wurden viele Partien der 2. Mannschaften vorverlegt.

Wenn die Erste um 15 Uhr spielt, dann beginnt die Zweite um 13 Uhr – so lautete vor Corona die Regel. Das ist mittlerweile allerdings unmöglich, wenn man die Hygieneregeln auch nur ansatzweise beachten will. Vor allem bei Vereinen, die nur über zwei und nicht über vier Kabinen verfügen wie der SV Karze. „Wir haben alle Spiele der Zweiten auf 11 Uhr vorverlegt“, sagt die Vereinschefin Daniela Schöning, „denn dazwischen muss geputzt werden. Ein Mörder-Aufwand.“

Der Aufwand

Spielten die beiden Karzer Herren-Mannschaften an einem Tag, war Daniela Schöning gemeinsam mit ihrem Mann in der Regel von zirka 12 bis 19 Uhr auf dem Platz, um sich um alles zu kümmern: „Jetzt müssen wir um 10 Uhr vor Ort sein.“ Drei zusätzliche Ehrenamtliche sind nötig, um alles zu regeln. Jemand muss die Zuschauer-Daten erfassen, jemand muss kontrollieren, ob alle auch die Abstandsregeln einhalten und so weiter. Daniela Schöning hat Plexiglasscheiben für den Verkauf von Speisen und Getränken angeschafft, Pfeile weisen an kritischen Stellen den Weg, damit sich Zuschauer nicht in die Quere kommen.

„Das alles kostet“, weiß die Vorsitzende. „Wir haben unser Kleinfeldturnier im Sommer nicht ausrichten können, die Einnahmen fehlen uns.“ Dass ein kleiner Verein wie der SV Karze jetzt vom Kreisverband eine Rechnung in Höhe von 1300 Euro über Schiedsrichter-Gebühren bekam, hilft ihm auch nicht unbedingt weiter.

Die Skepsis

„Wir tun bestmöglich das, was wir können“, betont Daniela Schöning. „Aber wenn erst einmal der Herbst kommt – was willst du da machen? Wo willst du die Mannschaftsbesprechungen abhalten? Im Freien bei Regen im November?“

Der Berliner Fußballverband hat alle Partien unterhalb der Berlin-Liga bis auf Weiteres abgesetzt, da es massive Probleme mit der Umsetzung des Hygienekonzepts gebe. Auch in unserer Region wurden Testspiele kurzfristig abgesagt – zum Teil wegen organisatorischer Schwierigkeiten, zum Teil wegen Corona-Verdachtsfällen. „Wenn man alles ernst nimmt, dann wird es viele Probleme geben“, sagt Brockhöft.

Auch Michele Assenheimer hat gar kein gutes Gefühl, wenn er an die hammerharte Bezirksliga-Saison denkt. „Du stehst ständig mit einem Bein auf der anderen Seite“, gibt „Schelle“ zu bedenken. Denn: „Wenn sich ein Spieler mit Corona infizieren sollte, muss die gesamte Mannschaft in Quarantäne gehen. Welcher Arbeitgeber macht das mit?“ Mancher wird seinen Angestellten den Fußball mehr oder weniger verbieten, befürchtet der Wendisch Everner.

Die Zuschauer

Einfach zum Sportplatz gehen und Fußball gucken, das gibt es erst einmal nicht mehr. Der HSV II, erster Gastgeber des LSK, hat gerade verkündet, in dieser Saison unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu spielen. In unserem Kreis bastelt jeder Verein gerade an seinem eigenen Konzept für jeden einzelnen Sportplatz. Landesligist TSV Gellersen etwa begrenzt seine Zuschauerzahl in Südergellersen auf 150, jeder Besucher sollte eine Sitzgelegenheit mitbringen, Ein- und Ausgang ist nur noch auf der Seite am Verkaufsstand möglich. Ähnlich regelt dies auch Vastorf.

In Thomasburg und Reppenstedt sind Einbahnstraßensysteme zum Beispiel beim Imbiss eingeführt. Die Thomasburger bitten zudem Leute, die in der vergangenen Woche im Urlaub außerhalb Deutschlands waren, die Spiele nicht zu besuchen.

Alles steht und fällt aber mit der Einsicht der Fans – und, falls diese nicht vorhanden ist, mit der Kontrolle. Schon bei gut besuchten Testspielen hatten Ordner alle Hände voll zu tun, die Regeln durchzusetzen. Mancherorts stand die Mehrzahl der Besucher, teils in größeren Gruppen, trotzdem an den Spielfeldbarrieren, statt zu sitzen, wie es ab einer Besucherzahl von 51 zwingend vorgeschrieben ist.

Ab dieser Zahl müssen auch die Kontaktdaten vom Verein ermittelt werden. Daniela Schöning lässt in Karze schon ab Besucher Nummer 1 Name und Telefonnummer notieren. Denn: „Sollen wir warten, bis 51 Zuschauer da sind? Dann müssten wir die ersten 50 zurück zur Kasse bitten, damit sie auch den Zettel ausfüllen.“ Und das wäre noch eines der kleinsten von vielen Problemen, die jetzt auf Verantwortliche, Aktive und Zuschauer zukommen.

Von Andreas Safft

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