Dienstag , 27. Oktober 2020
Dicht an dicht drängten sich die Zuschauer an der Uelzener Straße. Foto: Makovec

Hochblonde Welle in Lüneburg

„Das größte Sportereignis, das die Heidemetropole bisher erlebt hat“, schrieb die Landeszeitung. 7000 Menschen schauten sich am 2. Oktober 1960 auf dem MTV-Sportplatz ein Spektakel an, das es in Lüneburg nie zuvor gab und wohl auch nie mehr geben wird. Ein Leichtathletik-Länderkampf der deutschen Frauen gegen Polen, der erste nach dem Krieg, zog die Massen Richtung Uelzener Straße.

Sie sahen ein dramatisches Duell ohne Sieger, aber in betont freundschaftlicher Atmosphäre. Und das mitten in einer Zeit, in der der Kalte Krieg zwischen dem Westen und Osten „schlimmer denn je war“, wie die LZ am gleichen Tag angesichts einer „skandalösen Rede“ von Kreml-Chef Chruschtschow vor der UNO vermeldete.

Jutta Heine wurde in Lüneburg zweimal nur Dritte. Foto: Makovec

Star des deutschen Teams war die Sprinterin Jutta Heine, die keine vier Wochen zuvor bei den Olympischen Spielen in Rom Silber über 200 Meter hinter US-Legende Wilma Rudolph gewonnen hatte. In Lüneburg hatte sie über 100 Meter allerdings keine Chance gegen die beiden Polinnen. „Für mich ist die Bahn zu weich, ich bin zu schwer und zu groß“, sagte Jutta Heine.

Hübsch gegen bildhübsch…

Der LZ-Berichterstatter Horst Witte nannte Jutta Heine in diesem Beitrag „hübsch“, ihre polnischen Kontrahentin Barbara Janiszewska sogar zweimal „bildhübsch“. Sein Kollege Helmut Pleß schien schwer beeindruckt von der „hochblonden Welle aus Warschau“ und der „feuerroten, hautengen Hose“ der deutschen Sprinterin Martha Langbein, die er „niedlichst“ fand. In der gleichen Ausgabe findet sich übrigens auch ein längerer Bericht über den Länderkampf der Männer in Warschau – ohne eine einzige Bemerkung über das Aussehen oder die Kleidung der Athleten.

Ingrid Becker übersprang 1,69 Meter – deutscher Rekord. Foto: Makovec

Heldin aus deutscher Sicht wurde fast unbemerkt vom Publikum eine 18-Jährige, deren große Stunde erst zwölf Jahre später bei den Olympischen Sommerspielen in München schlagen sollte. Ingrid Becker gewann überraschend den Hochsprung, den letzten Wettkampf des Tages mit neuem deutschen Rekord von 1,69 Meter. Damit sorgte sie für das 53:53-Unentschieden in diesem Duell.

Zu lange Beine für den Hürdensprint?

„Es war nasskalt an dem Tag, kaum zehn Grad“, erzählt sich Klaus-Peter Werner, der damals als 19-Jähriger zu den vielen Helfern des Vereins gehörte. Und er erinnert sich auch daran, dass Jutta Heine damals nicht besonders gut gelaunt war, zumal sie kurzfristig auch über 80 Meter Hürden einspringen musste – kaum eine Viertelstunde nach den 100 Metern. „Es scheint fast, dass sie für die Hürdenabstände zu lange Beine hat“, kommentierte Hans Beger im Fachblatt „Leichtathletik“. So musste sich der vermeintliche Star dieses Sonntags mit zwei dritten Plätzen begnügen.

Die Leistungen in der Leichtathletik explodierten in den darauffolgenden Jahren durch neue Techniken, durch eine deutliche Professionalisierung der Trainingsmethoden und vielleicht auch durch die eine oder andere Wunderpille. 1972 sprang Ulrike Meyfarth bei ihrem sensationellen Olympiasieg bereits 23 Zentimeter höher als Ingrid Becker in Lüneburg. Diese schrieb unter den Namen Ingrid Mickler in München als Mitglied der 4×100-Meter-Staffel aber auch Sportgeschichte. Das Quartett siegte vor der favorisierten DDR mit Weltrekord. 1968 in Mexiko hatte sie den Fünfkampf gewonnen.

Einmarsch der Mannschaften vor 7000 Zuschauern, Foto: Makovec

Mit dem Remis in Lüneburg konnten beide Seiten am Ende einer langen Saison sehr gut leben. Alle Athletinnen ließen sich bei einer gemeinsamen Schlussrunde vom Publikum feiern. „Ein großer Tag für den internationalen Sport, für die völkerverbindende Idee Olympias. Ein großer Tag auch für Lüneburg“, meinte Helmut Pleß. Er störte sich nur an der Musikauswahl rund um den Länderkampf. „Alte Kameraden“ und den „Manöverball-Marsch“, so kommentierte der spätere LZ-Chefredakteur, waren fünfzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Griff „in den falschen Plattenschrank“.

Goldene Zeiten brechen 1968 abrupt ab

Ansonsten wurde der MTV Lüneburg mit Lob für die Organisation überschüttet. Seit 1948 erreichten Leichtathletinnen und Leichtathleten aus dem Verein Spitzenplätze auf deutschen Meisterschaften. Der MTV richtete 1959 die deutschen Waldlaufmeisterschaften aus, ein Jahr später den Länderkampf und ab 1962 das „Heinz-Sickmüller-Gedächtnis-Sportfest“ mit vielen deutschen Stars. 1968 kam die Leichtathletik im Verein mangels Trainings- und Wettkampfmöglichkeit jedoch zum Erliegen – das Stadion wurde für fast drei Jahre gesperrt, weil es für ein Turnfest umgebaut werden musste. Die goldenen Zeiten der Lüneburger Leichtathletik waren nun endgültig vorbei.

Von Andreas Safft

Im Bundesarchiv findet sich die Ufa-Wochenschau 219/1960, in der auch vom Länderkampf berichtet wird.

One comment

  1. Sehr guter Artikel!

    Ja, in LZ-Berichten über männliche Sportereignisse gibt es – bis heute – keine Bemerkungen über das Aussehen („hübsch“, „bildhübsch“, „niedlichst“) oder die Kleidung („feuerrote, hautenge Hosen“) der Athleten.

    1960, das war auch das Jahr, in dem der „SIMCA 1000 — der Wagen für Europa“ (4 Zylinder, 944 ccm, 39 DIN-PS, fünffach gelagerte Kurbelwelle, Spitze über 125 km/h, Verbrauch 7 l/100 km, Ölwechsel, 2,5 l, alle 10 000 km, Abschmieren alle 20 000 km, über 350 Händler der DEUTSCHE SIMCA in 6096 Raunheim/Hessen) DM 4925,- kostete (+ Heizung).

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