Donnerstag , 24. September 2020
Die idyllische Strecke führt Jürgen Fechner unter anderem an der Pferdekoppel beim Adendorfer Bahnübergang am Grünen Jäger entlang. Foto: t&w

Ein Vorbild hat dazugelernt

Adendorf. Viele Menschen haben in der Corona-Krise das Laufen für sich entdeckt – und bald wieder vergessen. Einer, der unbedingt dran bleiben will, ist Jürgen Fechner, 1. Vorsitzender des TSV Adendorf. Im April erst kam der 63-Jährige nach gut vier Jahrzehnten Pause wieder auf den Geschmack, inzwischen kann er sich ein Leben ohne regelmäßige Runden gar nicht mehr vorstellen. „Ich habe vier, fünf Kilo abgenommen“, erzählt der Vereinschef. „Ich ernähre mich anders, lebe bewusster. Und ich will ja auch Vorbild für unsere Mitglieder sein.“

Fechner hat einige Runden für sich entdeckt, die sich je nach Lust und Form verkürzen oder verlängern lassen. Dorfstraße, An der Bahn, dann auf einem Feldweg immer parallel zu den Gleisen, beim Bahnübergang am Grünen Jäger weiter geradeaus an einer Pferdekoppel vorbei. Hier sind ansonsten nur noch Hunde mit ihren Herrchen oder Frauchen unterwegs. „Mit 24 bin ich das letzte Mal bei einem Volkslauf gestartet“, erzählt er mit deutlichem Berliner Zungenschlag. „Dann meinte ich, dass ich keinen Sport mehr brauche, wenn ich erst einmal auf der Karriereschiene bin.“ Gestaunt hatte er damals über einen Bekannten, der sich mit 50 Jahren noch auf einen Marathon vorbereitet hatte. „Das war für mich damals gar nicht denkbar.“

Motiviert durch eine virtuelle Gruppe

Der Vereinschef ist ein Mann der Zahlen. Er war es in seinem Beruf im Rechnungswesen bei einer Berliner Bank, er ist es als Vorsitzender des TSV, dem er mit seiner ehrgeizigen Vorstandscrew neues Leben eingehaucht hat – und auch als Sportler. Janette Noack hatte beim TSV eine virtuelle Gruppe „TSV Adendorf läuft gegen den Virus“ angeregt, per App sammeln inzwischen 116 Frauen und Männer Kilometer. „Ich sah ja, was andere schafften, und wollte mithalten“, berichtet Fechner mit leicht gequältem Lächeln. „Ich hätte nicht gedacht, dass man durch die virtuelle Gruppe so motiviert wird.“

Schnell hatte er sein Monatspensum auf mehr als 200 Kilometer gesteigert – das schaffen einige erfahrene Cracks in der Marathon-Vorbereitung kaum. Doch er ignorierte Warnsignale seines Körpers. Eines Tages meldete sich der Oberschenkel auf einer langen Runde, und er konnte von einer Sekunde auf die andere keinen Schritt mehr laufen, nur noch nach Hause humpeln. Und das über gut vier Kilometer.

Von der Millionenstadt Berlin ins Dorf

Dank Faszientraining und ausgiebigem Dehnprogramm joggt er jetzt nach vier Wochen Pause wieder schmerzfrei, aber etwas vorsichtiger: „Alle zwei, drei Tage zehn Kilometer, das reicht.“ Er passiert Erbstorf, nun geht es ins Drögenholz das Wäldchen zwischen Adendorf und dem Elbe-Seitenkanal. Dort verläuft auch die Strecke des Adendorfer Volkslaufs, der in diesem Jahr nicht stattfinden kann, bei dem Fechner aber 2021 unbedingt starten will.

Viele Jahre hat er mit seiner Frau Britta im Berliner Norden gewohnt. Waidmannslust, ganz nah an der Grenze zu Brandenburg, wo bis 1990 noch eine scharf bewachte Mauer stand. Er ging 2014 in den Vorruhestand und folgte seiner Gattin in deren alte Heimat. Den Schritt von der Millionenstadt ins Dorf hat er nicht bereut: „Wenn ich gewusst hätte, wie schön es hier ist…“ Auf langen Radtouren erkundet er die Region – die waren auch während der Laufpause möglich.

Auf den letzten Metern im Drögenholz geht es leicht bergab, bald ist Fechner wieder zu Hause. Er träumt von den Zeiten nach Corona, von einem Fest für alle, die in der Corona-Laufgruppe mit dabei sind und sich als Ziel eine Erdumdrehung mit gut 40 000 Kilometern gesetzt hatten. „Das schaffen wir wohl nicht mehr“, sagt Fechner. Daran allerdings ist er am allerwenigsten schuld.

Von Andreas Safft