Home | Gesundheit | Muss aus Trauer Wut erwachsen? Wege aus der Krise
Ich schaffe das!

Muss aus Trauer Wut erwachsen? Wege aus der Krise

Im Jahr 2013 sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 893.825 Menschen gestorben. Die Schicksale hinter diesen Zahlen sind höchst unterschiedlich, denn es gibt zahlreiche mögliche Todesursachen. Als Ergebnis stehen dahinter für die Hinterbliebenen immer der Verlust eines geliebten Menschen und eine Zeit der Trauer. Doch was bedeutet Trauer eigentlich und ist dieses Gefühl auch für andere Emotionen wie Wut und Rachedurst verantwortlich? Fragen, die hier zumindest näherungsweise beantwortet werden sollen.

Was ist Trauer und wie äußert sich dieses Gefühl?

Der Begriff Trauer wird in Deutschland mit unterschiedlichen Bedeutungen verbunden, denn er beschreibt sowohl den emotionalen Zustand von Traurigkeit infolge eines schlimmen Ereignisses als auch einen angemessenen Zeitraum nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Laut eines Ratgebers von ErgoDirekt kann die Trauer auch schon beginnen, wenn der Verlust durch eine Krankheit absehbar wird. In Bezug auf die Emotionen eines Menschen bringt dies normalerweise folgende Konsequenzen mit sich:

  • Niedergeschlagenheit
  • Vorläufiger Verlust der Lebensfreude
  • Seelischer Schmerz
  • Mitunter auch Depressionen

Trauer ist jedoch ein Prozess, der nicht bei jedem Menschen gleich schnell und in gleichem Maße abläuft. In Bezug auf diesen Prozess gibt es Phasenmodelle, die die einzelnen Stadien genauer beschreiben. Das ältere Modell beruht auf der Theorie des systematischen Theologen Yorick Spiegel, der 1972 einen Vier-Phasen-Prozess vorstellte. Im Jahr 1982 folgte die Schweizer Psychologie-Professorin Verena Kast, indem sie das Sterbe-Modell von Elisabeth Kübler-Ross zugrunde legte und es mit Theorien von John Bowlby und Collin Murray Parkes verschmolz. Die beiden Modelle werden in der folgenden Tabelle einem Kurzvergleich unterzogen:

Phase nach Spiegel nach Kast
1 Schockphase: relativ kurze Phase (Stunden oder Tage), Schock über die Todesnachricht, fällt je nach Art des Todesfalls unterschiedlich aus, auch die Stärke des Schocks differiert von Verstörtheit bis hin zum Zusammenbruch der eigenen Welt Nicht-Wahrhaben-Wollen: Verleugnung des Verlustes, Empfinden wie in einem Alptraum und der Wunsch, daraus zu erwachen, je überraschender der Todesfall, desto schwerwiegender und länger dauert diese Phase, oftmals Emotionslosigkeit aufgrund des Schocks
2 Kontrollierte Phase: Kontrolle der eigenen Gefühle und Kontrolle durch Beistand der Angehörigen. Planung der Beerdigung und Trauerfeier sowie Beisetzung sorgen für die Aufrechterhaltung der emotionalen Kontrolle, es entsteht eine große Distanz zur Wirklichkeit, ein Gefühl der inneren Leere entsteht Aufbrechende Emotionen: starke Ausbrüche von Trauer, Wut und Zorn mischen sich mit Schlafstörungen und Ruhelosigkeit, je nach Beziehung zum Verstorbenen können auch Schuldgefühle entstehen, darüber hinaus Suche nach „Schuldigen“, aggressive Gefühle als Möglichkeit, Depressionen zu verhindern, eine Unterdrückung der Emotionen kann den Trauerprozess behindern
3 Phase der Regression: Zurückziehen in die eigene Welt, Zusammenbruch des gemeinsamen Lebens mit dem Verstorbenen, erhöhte Emotionalität und Aggressivität, Appetitlosigkeit, vermehrter Gebrauch von Rauschmitteln möglich, Zwischenzustand zwischen Lösung vom Verstorbenen und Akzeptanz der Situation und Rückkehr ins normale Leben Suchen, finden, sich trennen: Die Verbindungen zum Verstorbenen in der Umwelt werden gesucht, je nach Verlauf wird der Verstorbene „innerer Begleiter“ oder führt ein Pseudoleben in allem, was an ihn erinnert, im zweiten Fall wird der Trauerprozess stark behindert – im ersten Fall kann der „innere Begleiter“ ebenfalls eine Entwicklung nehmen und als wichtige Erinnerung akzeptiert werden
4 Phase der Anpassung: Rückkehr ins Leben, mögliche extreme Rückschläge, Bewahrung des Verstorbenen im Herzen Selbstbezug: Akzeptanz des Verlustes, der Verstorbene ist zu einer inneren Figur geworden, im Idealfall entstehen keine unüberwindlichen Verlustängste, sondern die Bereitschaft, trotz möglichen Verlustes wieder neue Bindungen einzugehen

Tabelle 1: Phasenmodelle der Trauer nach Spiegel und Kast, Quelle: Wikipedia

Die Modelle unterscheiden sich an einigen Stellen voneinander, zeigen aber sehr wohl auf, dass aggressive Gefühle wie Wut und Zorn Teil des Trauerprozesses sind. Auch die die Suche nach vermeintlich Schuldigen am Tod der verstorbenen Person sind typische Verhaltensweisen.

Wie sieht die Gefühlwelt der Hinterbliebenen von Verbrechensopfern aus?

Junge sitzt verzweifelt an einer WandWie der Absturz der Germanwings-Maschine infolge von Selbstmord-Absichten des Co-Piloten gezeigt hat, ist ein Mord oder eine andere Form der absichtlichen Tötung noch einmal schlimmer zu bewältigen. Dies bestätigten Trauma-Experten auf der Webseite der Tagesschau. Ein gesundes Maß an Wut kann hierbei durchaus hilfreich sein, wie die Trauma-Expertin Isabella Heuser von der Berliner Charité in dem Artikel betonte. Problematisch wird es immer dann, wenn aus Trauer und Wut Hass und der Wunsch nach Rache erwächst.
Solche unverarbeiteten Gefühle haben im Mittelalter mitunter zu Blutfehden geführt, bis die Einführung der Todesstrafe diese Tendenz wieder begrenzte. Der Gedanke dahinter war, den Hinterbliebenen des Opfers durch die Hinrichtung eines Mörders Genugtuung und Gerechtigkeit zu verschaffen und somit Blutfehden zu verhindern. Dass solche Gefühle auch heute durchaus existent sind, zeigt das Todesurteil gegen den Boston-Bomber Dschochar Zarnajew, bei dem die Geschworenen die Wahl zwischen lebenslanger Haft und der Todesstrafe hatten. In den USA ist die Mehrheit Umfragen zufolge nach wie vor für die Todesstrafe. Eine Allensbach-Umfrage, die in der Welt zitiert wird, zeigt zudem sehr eindrucksvoll, dass die Einführung der Todesstrafe für Schwerverbrecher auch in Deutschland mit einer Zustimmung von 25% wieder deutlich mehr Befürworter findet als 2009 (19%). In einem solchen Moment stellt sich die Frage, ob mit dem Tod eines Verbrechers tatsächlich Gerechtigkeit herrschen soll oder ob es um Rache geht.

Die wichtigsten Punkte im Überblick:

    • Wut kann bei der Verarbeitung von Trauer helfen
    • Die Emotionen sollten jedoch nicht in Hass und Rachsucht umschlagen
    • Rachsucht hat im Mittelalter zu Blutfehden geführt
    • Mit der Todesstrafe wurde einst ein Mittel zur Begrenzung von Blutfehden geschaffen, um Vergeltungsgefühle der Hinterbliebenen durch die Hinrichtung zu befriedigen
    • Auch heute wird die Todesstrafe in vielen Ländern der Erde (unter anderem USA und China) vollzogen
    • Bei der Todesstrafe bleibt immer die Frage, ob es um Gerechtigkeit oder Vergeltung geht

Wege aus der Krise – wie lässt sich der Trauerprozess positiv beeinflussen?

Trauer stellt einen Prozess dar, der der eigenen Gefühlswelt und dem Verstand hilft, mit dem Verlust eines geliebten Menschen klarzukommen. Aus diesem Grund ist es nicht ratsam, die Trauer als solche zu verhindern. Es gibt allerdings Möglichkeiten, den Prozess letztlich positiv zu beeinflussen und die seelischen Wunden tatsächlich heilen zu lassen:

      • Sollten die Trauergefühle über einen längeren Zeitraum das eigene Leben quasi unmöglich machen, liegt eventuell ein Trauma oder eine schwere Depression vor. In diesem Fall ist professionelle Hilfe durch Seelsorger und Psychologen sehr wichtig. Eine Therapie kann helfen, wieder zurück ins eigene Leben zu finden und mit dem Verlust irgendwie umzugehen.
      • Körperliche Aktivität ist ein gutes Mittel, um sich in Trauerphasen abzulenken. Wer in dieser Zeit also intensiver als sonst joggt oder schwimmt, kann die eigene Trauer erträglicher machen und den Prozess eventuell minimal beschleunigen.
      • Gefühle sollten im Trauerprozess auf keinen Fall unterdrückt, sondern zugelassen werden. Nur auf diese Weise beginnt die Verarbeitung des Erlebten und der Betroffene kann irgendwann wieder einen Weg in ein erfülltes Leben finden.

Fazit

Blume wird auf Sarg gelegtTrauer bringt die gesamte Gefühlswelt eines Menschen durcheinander und sorgt für einen Zustand der Niedergeschlagenheit sowie fehlender Lebensfreude. Dazu gehören auch Gefühle wie Wut, Aggressivität und die Suche nach Schuldigen. Wer jedoch versucht, mit seinem Umfeld zu kommunizieren und diese Gefühle rauslässt, kommt im Trauerprozess voran. Auf diese Weise lässt sich irgendwann ein Weg finden, mit dem Verlust umzugehen. Es besteht somit unter Umständen die Möglichkeit, den Verstorbenen in seinem Herzen zu bewahren, ohne dabei auf ein erfülltes und freudiges Leben verzichten zu müssen. Die Zeit heilt bei Verlusten leider nicht alle Wunden, aber sie macht sie mitunter erträglicher.

Lesen Sie auch: Die richtige Balance finden
Bildquelle:
Ich schaffe das! © bluedesign / Fotolia.com
Depressed © imagesetc / Fotolia.com
Frau auf Beerdigung mit Sarg © Kzenon / Fotolia.com