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Lotteriemarkt in Deutschland – Welche Systeme zur Prävention von Spielsucht gibt es?

Ein Wort mit 33 Buchstaben hat seit dem 1. Juli 2012 für einen großen Umbruch auf dem Lotteriemarkt in Deutschland gesorgt: Glücksspieländerungsstaatsvertrag, abgekürzt GlüÄndStV. Das Lotto-Monopol wurde aufgehoben und Spieler können ihre Kreuzchen nun bequem vom heimischen Schreibtisch aus machen, entweder direkt auf den Webseiten der staatlichen Lottogesellschaften oder bei privaten Anbietern wie jumbolotto.de oder lotto24.de. Grund für den neuen Glücksspielstaatsvertrag war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Darin wurde bemängelt, dass der Staat vorgebe, die Spielsucht zu bekämpfen, aber auf der anderen Seite seine Angebote zu stark bewerbe.

Der Staat versucht seine Vormachtstellung zu verteidigen

Weil der Staat einerseits als Lizenzgeber für private Anbieter fungiert, aber auch selbst Anbieter von Glücksspielangeboten ist, ergibt sich eine paradoxe Situation. Wer im Internet Lotto anbieten will, wird vorher vom Bundesland geprüft. Das Bundesland ist also die Aufsichtsbehörde für den privaten Anbieter und tritt über die Lottogesellschaften der Länder selbst als Vermittler der Spielscheine auf. Dadurch entsteht eine doppelte Abhängigkeit der Privatanbieter. Sie werden gewissermaßen vom Wettbewerber kontrolliert. Dass der Staat diese Konstellation ausnutzt, um seine Vormachtstellung zu behalten, liegt auf der Hand. Die lizenzierten Lottovermittler werfen dem Staat ein völlig intransparentes Vergabeverfahren vor. Auch führte die Macht des Staates dazu, dass seine Lottogesellschaften sofort nach Inkrafttreten des GlüÄndStV online gingen, während private Anbieter teilweise bis heute auf Erlaubnisse oder Ergänzungsbescheide warten.
Ausgewählte private Vermittler von Lottoangeboten mit und ohne staatliche Lizenz:

Anbieter staatlich lizenziert Firmensitz
Jumbolotto.de ja München
Lottoarena.de ja Neuss
Lottobay.de ja Hamburg
Lotterie.de ja Hallstadt, Bayern
Lottohelden.de ja Hamburg
Lottoland.de nein Gibraltar
Lotto24.de ja Hannover
Lottowelt.de ja Düsseldorf
EinfachLotto.de ja Berlin
faber.de ja Bochum
jaxx.club nein London

Forcierung der Glücksspielprävention war Pflicht

Die EU-Kommission äußerte schon 2010 erhebliche Bedenken sowohl gegen das Staatsmonopol im Glücksspielbereich, als auch gegen das Verbot, im Internet Glücksspiele anzubieten. In einem blauen Brief an die Länder wurde diesen vorgeworfen, keine Belege für die Gefahr der Spielsucht im Internet vorgelegt zu haben. Auch Prof. Dr. Christian Pohl von der Reinhold-Würth-Hochschule der Hochschule Heilbronn in Künzelsau konnte in einem Bericht über Sperrsysteme zur Spielsuchtprävention das Internetverbot nicht nachvollziehen. Seiner Meinung nach verfügten die Internetsysteme schon vor dem Glücksspielstaatsvertrag von 2008 über „deutlich umfangreichere und konsequenter durchsetzbare Mittel zur Spielsuchtprävention
als dies im terrestrischen Vertrieb geplant oder auch nur angedacht ist.“

In der Lottoannahmestelle kann immer noch anonym Lotto gespielt werden. Im Internet sind dagegen zahlreiche Verifizierungen nötig, um als Spieler zugelassen zu werden:

    • • Registrierungspflicht mit Name, Adresse und Alter

 

    • • Prüfung der Korrektheit der Angaben durch den Anbieter

 

    • • individuelle Spieleinsatzhöchstgrenze für jeden Spieler unabhängig von der Spielart

 

    • Möglichkeit der Sperrung spielsuchgefährdeter Personen

LottozahlenAußerhalb des Internets implementierten die staatlichen Lottogesellschaften die Lotto Card als ersten Schutzmechanismus für die Gefahr der Spielsucht. Sie war aber nur für Spielangebote Pflicht, die täglich wahrgenommen werden konnten wie Oddset oder Keno. Bedeutend wirksamer war da schon das Spielersperrsystem OASIS (Onlineabfrage Spielerstatus nach Glücksspielstaatsvertrag). Mit der Errichtung und Unterhaltung dieses länderübergreifenden Sperrsystems zum Schutz der Spieler wurde das Hessische Ministerium des Innern und für Sport beauftragt. Es ging am 01. Juli 2013 ans Netz. Damit steht Veranstaltern von Glücksspielen ein Programm zur Verfügung, das die Abfrage ermöglicht, ob ein Spieler gesperrt ist oder nicht. Es können auch Sperren eingetragen, geändert oder aufgehoben werden. Durch diese zentrale Sperrdatenbank stehen allen angeschlossenen Glücksspielanbietern sofort und ohne zeitlichen Verzug die Sperrinformationen zur Verfügung.

Limitverwaltung als wirksame Präventionsmaßnahme

So sinnvoll die Einführung einer Sperrdatenbank ist, die Inanspruchnahme erfolgt fast immer erst dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Als Präventionsmaßnahme ist die Limitbegrenzung eine deutlich zielführendere Maßnahme. Dabei wird vom Glücksspielanbieter für jeden Spieler eine einheitliche periodenabhängige Spieleinsatzhöchstgrenze festgelegt. Aktuell liegt der übliche Wert bei 1.000 Euro im Monat. Suchttherapeuten und Verbraucherschutzorganisationen halten dieses Limit für zu hoch und plädieren für eine Spieleinsatzgrenze von 100 Euro wöchentlich.

Übersicht Glücksspiel in Deutschland

Allerdings kann sich jeder Spieler auf den Internetseiten der Anbieter sein eigenes Limit setzen. Ist dieses erreicht, wird der Spielschein vom Anbieter nicht mehr angenommen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Einsatzprüfung bei Spielaufträgen spielartunabhängig erfolgt und nicht auf spielsuchtgefährdende Spiele beschränkt ist. Soll ein pathologischer Spieler dauerhaft vom Spiel ausgeschlossen werden, muss sein individuelles Limit gleich Null sein. So kann ein Spieler schon vor Ausweitung der Spielsucht effektiv geschützt werden.

Lustige Lottowerbung

Spielen-mit-Verantwortung.de

Alle staatlichen Anbieter haben ihre Webseiten mit der Informationsseite zur Spielsucht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verlinkt. Unter der Adresse spielen-mit-verantwortung.de erhalten Spieler umfangreiche Informationen und Aufklärung über die Themen Glücksspiel und Glücksspielsucht. Private Anbieter sind ebenfalls verpflichtet, über die Gefahren des Glücksspiels aufzuklären. Dazu genügt schon ein Link mit dem Linktext Spielsuchtprävention, der Kunden auf die oben genannte Seite führt. Viele Privatanbieter klären aber auf der eigenen Webseite darüber auf wie beispielsweise jumbolotto.de. Das Unternehmen beantwortet in einem sehr informativen Interview mit dem Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern, Konrad Landgraf, Fragen wie Was ist Spielsucht? oder Wie erkenne ich eine Glücksspielsucht?.

Gewinnchancen einzelner Lottospielarten im Vergleich:

Gewinnklasse 6 aus 49 EuroJackpot Glücksspirale Keno
höchste Gewinnklasse 1:140 Millionen 1:60 Millionen 1:5 Millionen 1 :2,147 Millionen
niedrigste Gewinnklasse 1:61 1:35 1:10 1:13

Fazit

In den letzten drei Jahren hat auf dem Lotteriemarkt in Deutschland ein Umbruch stattgefunden. Besonders die Spielsuchtprävention ist in den Fokus der Anbieter gerückt und es wurden wichtige Maßnahmen zum Schutz der Spieler getroffen. Die Einführung einer zentralen Sperrdatenbank durch das Bundesland Hessen war ein wichtiger Schritt, problematisches Glücksspielverhalten zu unterbinden. Zusätzlich sorgen Spieleinsatzlimits beim Online-Vertrieb für eine zu große Überschuldung der Spieler. Zwar halten Experten die Obergrenze von 1.000 Euro pro Monat für zu hoch, stellt aber nochmals eine deutliche Verbesserung der Spielsuchtprävention dar.

Bei der Online-Kommunikation mit den Kunden nimmt bei allen Anbietern die Aufklärung über die Gefahren des Glücksspiels einen festen Platz ein. Über Selbsttests können Spieler ihr Glücksspielverhalten testen und erhalten bei Bedarf Fach-Adressen, die einen schnellen Weg in das Hilfesystem bei problematischem Spielverhalten bieten.

Kritikwürdig ist noch immer, dass außerhalb des Internets das Lotto spielen anonym möglich ist. Hier sollte sich die Lotto Card nicht nur auf die Spielarten beschränken, die besonders suchtgefährdend sind.

Bildquelle:
Titelbild: Lottospiel © M. Schuppich / Fotolia.com
Textbild: Lottokugeln © ag visuell / Fotolia.com