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Der Kfz-Innung macht der Akademisierungstrend zu schaffen Betriebe der Region verzeichnen weniger Bewerbungen auf ihre Ausbildungsstellen.

Schrauber plus PC-Spezialist

Wird über den demografischen Wandel gesprochen, fällt rasch das Schlagwort Fachkräftemangel. Auch im Handwerk haben viele Betriebe schon Probleme, Stellen zu besetzen. Anlass für die LZ, in einer monatlichen Serie ein Bild der Arbeitsmarktlage der einzelnen Innungen zu skizzieren. Im fünften Teil schildert Obermeister Olaf Dietz, wie es innerhalb der Kfz-Innung aussieht.

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Run auf Studienplätze – Mangel an Ausbildungsinteressierte

cec Bardowick. „Das Handwerk insgesamt gehört heute nicht mehr zu den gefragtesten Berufszweigen“, sagt Olaf Dietz und macht wie schon andere Obermeister vor ihm im Rahmen der LZ-Serie den Akademisierungstrend als einen der Hauptfaktoren für den Nachwuchs- und mit ihm einhergehenden Fachkräftemangel aus: „Heute wollen alle zum Gymnasium gehen und anschließend studieren.“ Der Kfz-Bereich bilde da keine Ausnahme. „Wir stehen zwar noch besser da als andere Gewerke, aber auch nicht mehr so gut wie noch vor einigen Jahren.“

Zwischen Gymnasien und Hauptschulen breche die Mitte weg, so Dietz, das lese er aus seinen Bewerbungen heraus beziehungsweise den Mangel daran: „Ich habe immer viele Bewerbungen gehabt, die bekomme ich heute nicht mehr und falls doch, in schlechterer Qualität. Es ist jedoch noch nicht bedrohlich.“ Ähnliches höre er auch von Kollegen anderer Betriebe, wobei größere Unternehmen auch größere Schwierigkeiten hätten.

Geburtenschwache Jahrgänge bereiten noch mehr Fachkräftemangel

Neben dem Run auf die Studienplätze machten sich auch die Auswirkungen der demografischen Lücke bemerkbar, Stichwort: geburtenschwache Jahrgänge. Zahlen untermauern die Beobachtung des Bardowickers: Mit 522.100 Jugendlichen haben noch nie weniger junge Menschen in Deutschland eine Lehre begonnen als 2015. Damit setzte sich der seit 2011 anhaltende Abwärtstrend fort. Damals hatten noch rund 565.900 Jugendliche einen Ausbildungsvertrag im Rahmen des dualen Systems abgeschlossen.

Im gleichen Zeitraum nahm laut dem Bundesinstitut für Berufsausbildung auch die Zahl der Ausbildungsinteressierten ab: Waren es 2011 bundesweit noch etwa 846.900, sank die Zahl auf rund 804.400 im Vorjahr.
„Die dann übrig bleiben, wollen sich salopp gesagt die Finger nicht dreckig machen, gehen lieber in den Verkauf, zu einer Bank oder Versicherung“, ist der Eindruck des Obermeisters. „Oder sie nehmen die Ausbildung als Basis für ein Ingenieurstudium. Wir investieren Geld und Zeit und dann sind sie weg.“

Abwanderung in die Industrie

Die Abwanderung in die Industrie ist das zweite große Problem, das den Kfz-Betrieben bei der Personalsuche zu schaffen macht. Dabei locke nicht allein das Geld, sondern reizten vielmehr die Entwicklungsmöglichkeiten, so Dietz: „Wenn ein Geselle den Meister machen will, wäre bei mir im Betrieb Feierabend, weil ich es mir nicht leisten kann.“

Glücklicherweise seien nicht alle Mitarbeiter so ambitioniert. Viele würden die familiäre Atmosphäre in kleinen Betrieben schätzen, ebenso wie den engen Kontakt zu den Kunden. „Wer in einem großen Unternehmen der Automobil-Industrie ein Auto zusammenschraubt, weiß ja nicht, für wen er das tut, und ob dem das dann gefällt schon gar nicht“, sagt Dietz. „Das bei uns in den kleineren Betrieben die Arbeit abwechslungsreicher ist, und man unmittelbare Befriedigung aus dem Kundenkontakt erfährt, müssen wir Betriebe dem Nachwuchs deutlich machen.“

Wandel des Berufsbildes

Ebenso sei es wichtig, zu vermitteln, wie sehr sich das Berufsbild gewandelt hat: „Zur Mechanik kommt immer mehr Elektronik, viel Zeit verbringen wir mit der Fehlerdiagnose. Im Prinzip sind wir mittlerweile fast Mini-Computerspezialisten, selbst die Anhängerkupplung funktioniert nicht ohne Steuercomputer.“ Langfristig stehe die Branche vor der kompletten Elektrifizierung. „Dann machen wir uns wohl gar nicht mehr die Finger dreckig.“

Auch Schule und Politik sieht Dietz in der Pflicht: „Die Schüler müssen lebensorientierter ausgebildet werden. Sie können die dollsten Sachen rechnen, beherrschen aber nicht das Einmaleins.“ Und er wünscht sich mehr Weitsicht: „Mitunter habe ich den Eindruck, dass die Politik Auswirkungen ihrer Entscheidungen nicht bedenkt erst wird das Turboabi eingeführt und zwei Jahrgänge kommen aus der Schule. Wo sollen die alle hin? Dann wird zurückgerudert und es fehlen Auszubildende.“