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Betriebe im Metallhandwerk müssen heute einiges bieten, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten.

Windeln als Lockmittel

Auch im Handwerk haben viele Betriebe schon Probleme, Nachwuchs zu finden oder Stellen zu besetzen. Anlass für die LZ, in einer monatlichen Serie ein Bild der Arbeitsmarktlage der einzelnen Innungen zu skizzieren. Im sechsten Teil sprechen wir mit Andreas Joswig, Obermeister der Metall-Innung Lüneburg.

Lüneburg. Fachkräftemangel das ist auch für Andreas Joswig ein nebulöses Feld. Gefühlt gibt es ihn, doch mit Zahlen hinterlegen kann der Obermeister der Metall-Innung diese Annahme nicht: „Es gibt keine entsprechenden Erhebungen. Aus Gesprächen mit Mitgliedsbetrieben weiß ich aber, dass viele Stellen nicht besetzt werden können, weil es keine passenden Mitarbeiter auf dem Markt gibt.“ Er selbst habe seit einem dreiviertel Jahr zwei vakante Stellen, für die er nicht die richtigen Leute finden würde. Er sagt aber auch: „Den 100 Prozent passenden Mitarbeiter gibt es nicht, dafür ist unser Beruf einfach zu vielseitig.“

Betriebe müssen Arbeitnehmern attraktive Angebote machen

Windelpauschale für junge Eltern, Zahnzusatzversicherung, Beitrag zur privaten Altersvorsorge, Joswig hat schon einiges versucht, um neue Mitarbeiter für sich zu gewinnen, denn er sieht ganz klar die Betriebe in der Pflicht, auch wenn es darum geht, Beschäftigte zu halten, und zu verhindern, dass diese wegen der besseren Bezahlung in die Industrie abwandern.

Zwar sei die Arbeit in einem kleinen, familiären Betrieb per se attraktiv, weil sie sich vielseitiger gestalte als ein Fließbandjob. „Auch gibt es bei uns keine Kurzarbeit. Wir setzen niemanden vor die Tür, wenn im Winter nichts zu tun ist.“ Dennoch müssten die Firmen weitere Anreize schaffen. „Wir müssen unsere Mitarbeiter selbst ausbilden“, ist der Obermeister überzeugt, „denn die Anforderungen haben sich verändert. Der Schlosser ist nicht mehr der mit dem großen Hammer.“

Die Elektronik habe überall Einzug gehalten, vermehrt werde am Computer konstruiert. „Früher gab es wenige Spezialisten im Betrieb, die das beherrschen, heute spielen IT- und Elektronikwissen an jedem Arbeitsplatz mit hinein. Und ein Großteil der Bewerber verfügt im Hinblick darauf nicht über die geeigneten Kenntnisse.“

Berufsschule hinkt Fortschritt hinterher

Die schulische Ausbildung hinke dem Fortschritt hinterher. Die Lehrgänge am Technologiezentrum der BBS würden nur alle fünf Jahre neu gestaltet, das sei für viele Inhalte zu selten. „Wenn Auszubildende dann nach viereinhalb Jahren gerade mit der Lehre beginnen, haben sie Pech.“

Was macht eigentlich ein Metallhandwerker? Eine Frage, die viele Jugendliche heute gar nicht mehr richtig für sich beantworten könnten. Den Zugang haben sie in Joswigs Augen auch verloren, weil das Handwerk in den neuen Wohngebieten nicht mehr so präsent sei. „Unser Betrieb saß früher in der Bilmer Straße, da gab es den Frisör, Bäcker, Metzger, Tischler und die Kinder konnten den Handwerkern nach der Schule über die Schulter schauen.“

Azubis machen Jugendlichen den Beruf schmackhaft

Hier sieht Joswig die Verbände in der Pflicht, sie müssten die Attraktivität und die Vorzüge der zahlenmäßig relativ überschaubaren Metallbetriebe der Region deutlicher herausstellen. „Und die Betriebe müssen deren vorhandene Angebote stärker nutzen.“ Gute Ansätze zur Nachwuchswerbung gebe es. „Zum Berufsfindungsmarkt an der BBS nehmen wir heute die Azubis mit. Früher haben die Alten erzählt, es ist aber eine ganz andere Geschichte, wenn die Jungen das machen.“ Doch wo die Betriebe offen seien, hake es an anderer Stelle, bedauert der Obermeister: „Zu Berufsorientierungsveranstaltungen am Gymnasium Oedeme oder Johanneum wird das Handwerk gar nicht eingeladen.“

Positive Erfahrung mit Migranten

Wenig Hilfe verspricht sich Joswig bei der Mitarbeitersuche von der Arbeitsagentur: „Da kommen oft Bewerber, die kein Interesse haben und sich nur den Stempel abholen wollen.“
Positive Erfahrungen hat er hingegen mit Migranten die aber auch nicht über die Jobvermittlung zu ihm gekommen seien. Zu einem guten Mitarbeiter aus dem Iran habe ihm die Grone-Schule verholfen, bei der dieser gerade einen Sprachkursus machte.