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Weil er keinen ausgebildeten Steinmetz fand, stellte Dirk Homann, Obermeister der Steinmetz- und Bildhauerinnung Lüneburg, im vorigen Jahr einen Fliesenleger ein.

„Man muss Werbung machen“

Wird über den demografischen Wandel gesprochen, fällt rasch das Schlagwort Fachkräftemangel. Auch im Handwerk haben viele Betriebe schon Probleme, Nachwuchs zu finden oder Stellen zu besetzen. Anlass für die LZ, in einer monatlichen Serie ein Bild der Arbeitsmarktlage der einzelnen Innungen zu skizzieren. Im zehnten Teil sprechen wir mit Dirk Homann, Obermeister der Steinmetz- und Bildhauerinnung Lüneburg.

Ollsen. Gestorben wird immer. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass Steine ausgehen, ist gering. Der Berufszweig des Steinmetzes ist eine sichere Bank, könnte man darum meinen und irren. Denn auch dieses Handwerk hat zu kämpfen. Der Wandel der Bestattungskultur hin zu mehr Anonymität wirkt sich negativ auf die Auftragszahlen aus, denn viele Angehörige verzichten mittlerweile auf Grabsteine und -platten.

Die Technisierung fordert den Betriebsinhabern eine hohe Anpassungsleistung ab. Und viele Firmen haben Nachwuchssorgen und Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen, berichtet Obermeister Dirk Homann: „Früher war es einfacher, neue Mitarbeiter oder einen Lehrling zu finden, heute muss man schon Glück haben“, weiß der Ollsener aus eigener Erfahrung und von Kollegen. Der Innungsbezirk reicht bis nach Bremerhaven. „Es ist überall dasselbe.“

Erschließung neuer Geschäftsfelder macht Beruf vielfältiger

Homann selbst stellt im vorigen Jahr nach langer, vergeblicher Suche einen Fliesenleger statt eines ausgebildeten Steinmetzes ein. In seinem Fall nicht so verkehrt: Denn um am Markt mitzuhalten, setzt er nicht allein auf Bestattungen, sondern hat ein weiteres Standbein im Baugewerbe was ihn stark fordert. „Die Technik macht ja auch vor uns nicht halt“, sagt der Steinmetz, der vor 30 Jahren seinen Meister machte, „damals war der Commodore 64 das Höchste“. Heute können beispielsweise Waschtische mittels 3D-Scanner und CNC-Maschinen nach einem Modell ohne viel menschliches Zutun günstig in Serie produziert werden. Doch entsprechende Fachkräfte, die mit den neuen Möglichkeiten umgehen können, sind auf dem Arbeitsmarkt rar.

Ebenso junge Menschen, die sich für die Ausbildung interessieren, berichtet Homann. Dabei bietet der sich verändernde Markt neue Chancen und die Erschließung neuer Geschäftsfelder und Techniken macht den Beruf vielfältiger. Dennoch hat das Handwerk laut Homann keinen guten Ruf. Die Jugend strebe in Berufe bei Versicherungen, Banken, Behörden, das habe er in Gesprächen mit jungen Leuten aus dem Dorf gehört. „Doch viele machen ihr Abi und wissen dann nicht, was sie wollen, hängen erstmal in der Luft.“

Unternehmen nach außen bewerben

Der Obermeister sieht die Betriebe in der Pflicht, ihr Handwerk nach außen besser darzustellen: „Man muss Werbung machen.“ Er selbst hat eigens an einem Seminar einer Unternehmensberatung teilgenommen, in dem auch Themen wie Mitarbeiterbindung und Nachwuchssuche behandelt wurden. Auch der Dachverband der Innung biete Material, mit dem Betriebe für die Ausbildung trommeln könnten. Zudem müsse die Ausbildung moderner gestaltet werden. „Denn das Berufsbild hängt den tatsächlichen Anforderungen hinterher.“

Doch würden diese Maßnahmen allein nicht ausreichen, glaubt Dirk Homann: „Wenn du nicht mehr zahlst, hast du keine Chance.“ Er kenne persönlich einige gelernte Handwerker, auch aus anderen Bereichen, die aufgegeben hätten, und für höhere Löhne monotone Fließbandarbeiten bei großen Industrie-Unternehmen der Region in Kauf nehmen. „Letztlich geht es immer ums Geld“, ist der Steinmetz überzeugt.